Es gibt Filme, die aussehen, als hätte ein Festival sie in Auftrag gegeben. Ein Film für Cannes – war etwa „Ein Mann und eine Frau“. Cannes ist empfänglich für den modischen Einfall, für das gefällige Arrangement bewährter Oberflächenreize.

Nach Venedig hätte „Ein Mann und eine Frau“ nicht gepaßt. Nicht „Filmkultur“ wird dort verlangt, sondern „Film mit Kultur“. Hitchcock und Hawks hätten niemals Chancen auf den Goldenen Löwen von San Marco. Ausgeschlossen wird in Venedig das unverhohlen Kommerzielle, aber auch der Film, der zuerst nur Film sein will und nicht Vehikel anerkannter Werte und Vorstellungen.

Zumal unter dem rigorosen Regiment des Professors Luigi Chiarini führt die „Mostra“ einen erbitterten Zweifrontenkrieg, der sie in eine nicht ungefährliche Isolierung geführt hat: gegen den reinen Kommerzfilm einerseits und gegen filmisches Neuerertum andererseits.

Politisches Engagement wird in Venedig als Privatangelegenheit der Filmmacher geduldet oder auch anerkannt als ein wertvoller Zug bei Künstlern. Hier darf auf Pressekonferenzen der italienische Regisseur Marco Bellocchio die Kommunisten als letzte brüchige Hoffnung bezeichnen und darf Godard die chinesische Kulturrevolution loben und die Amerikaner schmähen.

Gegen die Wünsche politischer Mächte und Interessengruppen hat sich Chiarini auch in diesem Jahr bemerkenswert unempfindlich gezeigt. Allzu schnell auch wird ihm von rechts die Bevorzugung linker Autoren oder die von Ostblockstaaten vorgeworfen, und allzu schnell ist man links bereit, mit frisch polierter Entrüstung ein Photo aus dem Archiv zu holen, das den heutigen Mostra-Chef im Schwarzhemd an der Seite des Duce zeigt.

Natürlich kehrte der „Faschist Chiarini“ sogleich in die Pressekommentare zurück, als ruchbar wurde, daß er „Loin de Vietnam“, die Gemeinschaftsarbeit der Regisseure Godard, Ivens, Klein, Lelouch, Resnais und Varda, abgelehnt hat. Die offizielle Begründung dafür war windig genug: der Film habe der Auswahlkommission nur in einer noch unvertonten Fassung vorgelegen. Andere Filme wurden offensichtlich ebenfalls nur stumm besichtigt.

Dennoch glaube ich nicht, daß politische Rücksichten zu der Ablehnung von „Loin de Vietnam“ geführt haben. Glaubwürdiger erscheint mir die inoffiziell verbreitete Begründung, der Film sei nicht angenommen worden, weil er nicht das Werk eines einzelnen Autors ist, sondern eine Gemeinschaftsarbeit, in der die einzelnen Teile nicht einmal signiert sind. Diese Begründung erscheint mir deshalb plausibel, weil sie zu der Vorstellung von Kultur paßt, die die Mostra regiert: Kultur als Museum, nicht als Aktion.