Nach acht Jahren beschloß Erich Mende vorige Woche, sein unbesoldetes Ehrenamt als Vorsitzender der FDP zu quittieren, um eine gutdotierte Stellung bei der amerikanischen Investmentgesellschaft IOS anzutreten. (Jahresgehalt: 120 000 Mark). Mende: „Acht Jahre Vorsitzender gewesen zu sein ist genug.“

Was zunächst wie ein freiwilliger Vorzieht aussah (Mende: „Einen Druck hat niemand auf mich ausgeübt“), war doch nicht ganz aus freien Stücken geschehen. Ursprünglich hatte Mende geglaubt, Parteiamt und Managerposten ließen sich miteinander in Einklang bringen. Mit dem IOS-Vertrag in der Tasche hatte er Mitte letzter Woche Parteifreunden erklärt: „Ich werde im Januar auf dem Freiburger Parteitag wieder für den Vorsitz kandidieren.“ Doch die FDP-Bundestagsfraktion muckte gegen ihren Parteichef auf: Sie hielt FDP- und IOS-Posten für unvereinbar. Mende verzichtete auf eine neue Kandidatur.

Der deutsch-nationale Flügel der Fraktion rügte, daß Mende sich ausgerechnet bei einer amerikanischen Firma verdingt hatte, deren Geschäftspraktiken umstritten sind. Die Mehrheit der FDP aber beklagte sich über mangelnde Information und verübelte es ihm, daß er die FDP in eine neue Führungskrise gestürzt habe.

Diese Krise sollte noch vorige Woche durch einen Burgfrieden gelöst werden: Erich Mende – spätestens seit dem Parteitag in Hannover im April von Linksliberalen und Jungdemokraten angefeindet – wollte wieder für den FDP-Vorsitz kandidieren. Bundesminister a. D. Walter Scheel – von den Rebellen als neuer Mann aufgebaut – war willens, sich mit dem Posten des stellvertretenden Vorsitzenden und des Bundestagsvizepräsidenten trösten zu lassen. Willi Weyer, Vorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen und Innenminister der Düsseldorfer SPD/FDP-Regierung, wollte sich fortan ganz der Landespolitik widmen.

Nach Mendes Verzicht wurden diese Absprachen hinfällig. Als mögliche Nachfolger traten Scheel und Weyer in die Parteiarena. Auch Fraktionsgeschäftsführer Genscher und der stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende Mischnick wurden als Kandidaten genannt.

Den Hauptkonkurrenten Scheel und Weyer jedoch sind die Hände gebunden: Scheel wird mit Rücksicht auf sein neues Amt als Bundestagsvize in der Parteipolitik nicht „draufhauen“ können (Weyer), wie das vom Führer einer Opposition erwartet wird. Eine Wahl Weyers droht den Koalitionsfrieden in Düsseldorf zu gefährden, auch wenn Ministerpräsident Kühn nach einer ersten Aussprache mit dem FDP-Mann versicherte: „Die Entscheidung über den FDP-Vorsitz müssen allein Willi Weyer und die Freien Demokraten treffen.“

Mitte der Woche hatte es den Anschein, als ob Weyer mit Rücksicht auf seinen Landesverband und die Koalition nicht kandidieren will.