Von Uwe Schweikert

Klaus Gysi, der Kultusminister der DDR, hat in einer Rede zur Wiedereröffnung des Dresdner Opernhauses bestritten, daß es noch so etwas wie eine einheitliche deutsche Kultur gibt. Propaganda? Oder steckt doch ein Quantum Wahrheit dahinter? Zur Beantwortung dieser Frage mit beitragen könnte eine vor kurzem in der DDR erschienene Anthologie, die in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist:

„In diesem besseren Land“ – Gedichte der DDR seit 1945, ausgewählt, zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen von Adolf Endler und Karl Mickel; Mitteldeutscher Verlag, Halle; 400 S., 7,– DM.

Hier findet sich dieselbe Auffassung, allerdings differenzierter vorgetragen. Im Vorwort des Bandes, der „die stärksten Gedichte (sammelt), die seit 1945 auf dem jetzigen Territorium der DDR entstanden sind“, heißt es: „Man erwarte kein Handbuch der DDR in Versform. Aber es lassen sich doch Rückschlüsse ziehen auf einige ästhetische Besonderheiten der hierzulande gepflegten Dichtkunst. Genügen 20 Jahre, ein historisch kurzer Zeitraum, der Dichtung eines Landes den Stempel aufzudrücken? Die Anthologie dürfte ein eindeutiges ,Ja‘ legitimieren.“

Dieses „Ja“ gilt es zu überprüfen.

Die Auswahl, die die Herausgeber – zwei junge Lyriker – getroffen haben, gelang im Ganzen vorzüglich. Man findet keine Parteilyrik (mit wenigen Ausnahmen), keine Erzeugnisse des Bitterfelder Weges. Daß aus poetologischen Gründen dagegen fast durchweg das lange, erzählende Gedicht dem Kurzgedicht vorgezogen wurde, wäre ein Punkt, über den man streiten könnte, benachteiligt dies doch von vornherein einige Schriftsteller, so vor allem Günter Kunert.

Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner, so fallen einem sofort ein paar Eigenschaften auf, die diese Gedichte der DDR auszeichnen: betonte Sachlichkeit, ein ausgeprägtes und intensives Verhältnis zur literarischen Tradition, Verzicht auf Experimente. Aber das reichte nicht aus, um von einer spezifischen ästhetischen Haltung zu sprechen, die sich generell von jeder in Westdeutschland geübten unterscheidet.