Das Verhältnis von Stefan Georges Dichtung zur Antike sei „zumeist unter denselben Gesichtspunkten beurteilt worden, die für die Betrachtung von Georges Werk überhaupt bezeichnend sind: getreue Jünger oder fanatische Anhänger sahen in George ‚eine antike Natur‘, einen griechischen Menschen’, während kritische Tadler oder wilde Gegner behaupteten, die Antike sei für George letztlich nicht lebendige Gestalt und Form, sondern immer nur Kostüm seines eigenen Ich geblieben, das heißt leere Maske und Pose. Beide Parteien scheinen sich mehr um die Person des Dichters zu kümmern als um sein Werk. Das Werk allein aber kann uns sagen, wieviel von der Antike aufgenommen und auf welche Weise es anverwandelt wurde.“

Und dies gilt nicht nur für Georges Verhältnis zur Antike. Obwohl die Literatur über George seit dem Kriege bedeutend angewachsen ist und es kaum zu erwarten steht, unser Bild von Stefan George werde sich auf Grund bisher unveröffentlichter Dokumente wesentlich ändern, nimmt es Laien, Studierende und Studierte immer wieder wunder, wie wenig von Georges Dichtung (und sein Werk war fast ausschließlich Dichtung im engsten Sinne, nämlich Lyrik) einer noch so schmalen Öffentlichkeit bewußt geworden ist. Es gibt vielleicht nur eine Handvoll Gedichte Georges, die sich dank immer erneuter Anthologisierung oder dank lobender Erwähnung durch Dichterkollegen (Hofmannsthal, Benn – manchmal sind es nur Strophen) „durchgesetzt“ haben. Vergleichsweise sind Yeats und Pasternak, ebenfalls „schwierige“ Dichter, populär geworden.

Das liegt vor allem daran, daß Georges Werk so gut wie nie interpretiert wird, als wäre es von irgend einem großen deutschen Dichter geschrieben. Immer scheint es, in Tadel oder Preis, auf den Dichter und Menschen, ja auf das Phänomen, die Gestalt Stefan George bezogen zu bleiben.

Wenn uns aber Georges Gedichte in Zukunft wie die Gedichte jedes anderen Dichters scheinen, zu deuten mit Wissen, Liebe und kritischer AufmerksamKeit anstatt kultisch, mystisch-raunend oder politisch, so wird das wesentlich das Verdienst eines neuen Werkes sein –

H. Stefan Schultz: „Studien zur Dichtung Stefan Georges“; Lothar Stiehm Verlag, Heidelberg; 207 S., 26,– DM

auf das hier nur kurz hingewiesen werden soll. Dieses Buch stützt sich auf die sogenannte George-Literatur, indem es sie kritisch voraussetzt, sich implicite mit ihr auseinandersetzt und sie in vielen Aspekten hinter sich läßt. Es ist konzentriert (das „Material“ hätte leicht den drei- bis vierfachen Umfang ergeben können) und ist nicht ohne Konzentration zu lesen. Es sieht die Formprobleme in Georges Dichtung, die historischen Bindungen des Werkes und sein Überzeitliches. Es basiert auf stupendem Wissen, in diesem speziellen Fall auf souveränem Schalten mit literarhistorischen, kunstwissenschaftlichen und altphilologischen Kenntnissen.

Ein gelehrtes Buch, das ohne allen Zunftjargon auskommt. Ja, noch mehr: ein Buch für die Gebildeten unter den Gelehrten, für die Liebhaber und Genießer literarischer Deutung. Daneben auch ein exemplarisches Buch, für die George-Forschung so heilsam wie unumgänglich, das man jedem Studenten der Literatur empfehlen möchte, damit er lernt, was Interpretation sein kann und was sie für ein Werk zu leisten imstande ist. Zahlreiche Deutungen einzelner Gedichte vermitteln uns überraschend neue Einblicke in Georges Dichtung.