Harrison E. Salisbury: Hinter den feindlichen Linien. Aus dem Englischen übersetzt von Hellmut Jaesrich und Günther Danehl. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 255 Seiten, broschiert, 14, – DM.

Am 23. Dezember 1966 kam Harrison Salisbury, stellvertretender Chefredakteur der „New York Times“, nach Hanoi, der Hauptstadt von Nordvietnam. Er war der erste bekannte amerikanische Journalist seit Beginn der amerikanischen Luftangriffe, der ein nordvietnamesisches Visum erhalten hatte. Allein schon diese Tatsache erregte weltweites Aufsehen, das durch Salisburys Berichte aus Hanoi gerechtfertigt wurde, auch wenn sie von amerikanischen Regierungsstellen in Washington mit unverhohlenem Ärger aufgenommen wurden. Er schilderte nämlich nicht nur, wie es hinter den feindlichen Linien aussah, in einem Gebiet, das seit Monaten von amerikanischen Flugzeugen bombardiert wurde. Seine Reportagen ließen darüber hinaus erkennen, daß zum mindesten ein Teil der offiziellen Verlautbarungen Washingtons über die Kriegführung gegen Nordvietnam nicht der Wirklichkeit entsprach.

Salisbury sah nämlich in Nordvietnam städtische Wohnviertel – darunter das Diplomatenviertel von Hanoi –, Dörfer und Flußdeiche, die offensichtlich nicht nur zufällig oder versehentlich von Bomben getroffen, sondern die gezielt und systematisch bombardiert worden waren. Er widerlegte nicht nur die amerikanische These, daß nur militärische Objekte angegriffen würden, sondern entlarvte auch die vielgepriesene Bombenabwurftechnik der amerikanischen Piloten, die keineswegs so hoch entwickelt war, daß sie eine Beschränkung der Bombardements auf militärische Ziele garantierte.

Obwohl der Inhalt von Salisburys Berichten heute nicht mehr unbekannt ist, verdient das Buch eine aufmerksame Lektüre. Allerdings dürfte es nachdenkliche Leser mehr reizen als diejenigen, die Abenteuer und Sensationen erwarten.

Salisburys Schilderung ist betont zurückhaltend und nüchtern, fast unterkühlt, etwa wenn er die vollen Kirchen und die Gottesdienste am Weihnachtstag in der Hauptstadt dieses kommunistischen Landes beschreibt – oder die nächtliche Fahrt über die mit Lastautos und Lastträgern vollgestopfte Straße nach Süden oder seinen Besuch in einer Schule, die einige Zeit vorher von amerikanischen Bomben getroffen worden war. Nie Pathos, nur akkurate Behutsamkeit, gelegentlich sogar reichlich ausführlich.

Der politisch wichtigste Teil des Buches ist die Schilderung von Salisburys Besuch beim nordvietnamesischen Ministerpräsidenten Pham Van Dong. Der Regierungschef gehört mit Präsident Ho Tschi Minh und General Giap zur nordvietnamesischen Führungsspitze. Salisbury führte mit ihm ein dreieinhalbstündiges Gespräch, das der Nordvietnamese dazu benutzte, dem Amerikaner die politischen Vorstellungen und Wünsche seines Landes zu erläutern.

Hanoi will mit Washington reden. Das ist der entscheidende Eindruck, den der Autor in diesem wie in anderen Gesprächen während seines zweiwöchigen Aufenthalts in Nordvietnam gewann. Allerdings wünscht Nordvietnam keine öffentlichen Verhandlungen, weil es, so meint Salisbury, das Risiko chinesischer Störmanöver fürchtet. Nur bei streng geheimen und vertraulichen Gesprächen bestehe eine Aussicht auf Erfolg. Und erst wenn man sich hinter den Kulissen auf konkrete Ergebnisse geeinigt habe, könne man öffentliche Verhandlungen anberaumen.