Washington, im September

Wenn ein Vietcong im Dschungel schwitzt, verdunstet er wie jeder Zweibeiner Spuren von Ammoniak. Hochempfindliche Geruchsensoren, in amerikanischen Waffenlaboratorien entwickelt, reagieren darauf und lösen einen Alarm aus. Die Geräte können zwar nicht sagen, wer sich dort bewegt, aber feststellen, daß da irgendwer herumkraucht. Optische, akustische und elektronische Novitäten dieser Art, hauchdünne Drähte, beim Berühren nicht zu spüren, winzige Geräuschmaschinen und mancherlei andere geheimgehaltene technische Mittel sollen zusammen mit den konventionellen militärischen Hindernissen wie Stacheldraht, Wachttürme und Sprengminen beim Anlegen jener Sperre entlang der etwa 65 Kilometer langen Grenze zwischen Nord- und Südvietnam verwendet werden, die Verteidigungsminister McNamara angekündigt hat.

Der Sperrgürtel wird anfänglich nur 25 Kilometer lang sein, voraussichtlich aber nach und nach auf den ganzen Grenzabschnitt erweitert und später vielleicht nach Süden bis zu jenem Punkt gezogen, an dem sich die Grenzen von Südvietnam, Laos und Kambodscha berühren. Einige Befürworter dieser Anlage wie der südvietnamesische Ministerpräsident Ky und der demokratische Fraktionsvorsitzende im US-Senat Mike Mansfield, treten schon jetzt dafür ein, sogleich quer durch Laos bis zur thailändischen Grenze bei Savannakhet zu ziehen. Dadurch solle der durch laotisches Gebiet verlaufende Teil des Ho-Tschi-Minh-Pfades abgeschnürt werden, über den der nordvietnamesische Nachschub in den Süden geschleust wird.

Das jedoch bedeutete, die Sperre auf rund 300 Kilometer Länge auszudehnen in sehr schwierigem Dschungel- und Gebirgsgelände, mit Kosten von rund 12 Milliarden Dollar und einem mehrere hunderttausend Mann starken Soldatenkontingent zu ihrer Deckung. Außerdem setzt es den formellen Bruch des Neutralitätsabkommens über Laos von 1962 durch die USA voraus. Dazu sagte Außenminister Rusk, die amerikanische Regierung betrachte dieses Abkommen als nach wie vor gültig und bindend und trete dafür ein, daß es „tausendprozentig“ eingehalten werde – doch verwies er auch sehr nachdrücklich auf seine mannigfachen Verletzungen durch die Kommunisten, als wolle er für Washington die Rechtfertigung vorwegnehmen, es notfalls abzuschütteln.

Über die Anlage des Sperrgürtels sind die Meinungen an der zivilen und militärischen Spitze Amerikas geteilt. Das Projekt ist zwei Jahre lang erörtert worden, ehe sich McNamara entschloß, es in Angriff zu nehmen. Die Vorbilder dafür sind mannigfaltig – von der 2400 Kilometer langen chinesischen Mauer zum Schutz gegen Nomaden aus dem Norden, die zwei Jahrhunderte vor Christi Geburt vom Kaiser Schi Huang-ti begonnen und 17 Jahrhunderte später von der Ming-Dynastie mit Wehrtürmen befestigt wurde, und dem Limes bis zur Maginot-Linie, dem Westwall, der französischen Morice-Linie gegen die algerischen Aufständischen oder auch den Grenzsperren der Tschechoslowakei und der DDR und ihrer Mauer quer durch Berlin.

Den Kommunisten dienen ihre Grenzschutzgürtel überwiegend zum Unterbinden der Exfiltration der mit dem Regime unzufriedenen Mitbürger. Die McNamara-Linie hingegen soll dazu beitragen, die Infiltration unerwünschter nordvietnamesischer Soldaten und des Materialnachschubs für den Vietcong zu behindern, nicht verhindern. Der amerikanische Verteidigungsminister warnte bei der Bekanntgabe sogleich vor der Annahme, damit ließe sich die Infiltration aus dem Norden stoppen. Die Linie soll „in Übereinstimmung mit den Zielen der Luftoffensive gegen Nordvietnam“ diesen Nachschub der Kommunisten erschweren und noch kostspieliger als bisher machen, aber durch sie wird das Bombardement keineswegs überflüssig.

Dennoch bringt die McNamara-Linie – die im tieferen Sinn des amerikanischen Eingreifens in Vietnam zutreffender als antichinesische Mauer zu bezeichnen ist – ein Element der Statik in den südostasiatischen Konflikt. In Vietnam haben bisher fast alle militärischen Unternehmen den Zwang der Eskalation gewahr werden lassen; mit der nach und nach gesteigerten Luftoffensive vervielfältigte sich die nordvietnamesische Luftabwehr, und heute fliegen die amerikanischen Düsenbomber gegen Flak- und Raketenstellungen und gegen Flugplätze sehr viele Einsätze; der Luftkrieg spiralisiert sich zum Selbstzweck hoch.