Epileptiker geheilt, aber die Linke weiß nicht, was die Rechte tut / Von-Vitus Dröscher

Unter uns leben bereits einige Menschen, denen Chirurgen die Verbindung zwischen den beiden Hirnhemisphären durchtrennt haben. Bei ihnen arbeiten die zwei Hirnteile völlig unabhängig voneinander, als säßen zwei verschiedene und durchaus komplette Gehirne in einem Schädel. Genaue Untersuchungen zeigten jetzt: Jene Patienten werden von zwei unterschiedlichen Sphären des Bewußtseins beherrscht, ja, wahrscheinlich haben sie sogar auch zwei Gedanken und zwei Gefühle zur gleichen Zeit.

Die erregende Geschichte dieser Forschungen begann vor fünfzehn Jahren. Damals waren an der Universität Chicago die Professoren Ronald E. Myers und R. W. Sperry auf die Idee gekommen, einmal zu prüfen, ob und wie Katzen weiterleben, wenn man bei ihnen die Nervenverbindung zwischen den beiden Hirnhemisphären operativ durchtrennt. Auf den ersten Blick schienen sich die operierten Tiere genauso zu verhalten wie früher. Aber schon ein gezielter Test brachte merkwürdige Dinge ans Licht.

Hoffnung weit übertroffen

Die Wissenschaftler brachten der Katze bei, immer beim Erscheinen eines schwarzen Kreuzes mit der rechten Vorderpfote einen Hebel niederzudrücken. Das Tier lernte das recht bald. Aber als es anschließend genau dasselbe mit der linken Vorderpfote tun sollte, war es dazu unfähig. Es mußte noch einmal ganz von vorn anfangen, diese Aufgabe zu erlernen.

Wie ist das zu erklären? Die Muskeln der linken Körperseite werden ausschließlich von der rechten Hirnhemisphäre gesteuert und die Muskeln der rechten Körperhälfte von der linken Hirnhemisphäre. Bei normalen Lebewesen findet ständig ein Nachrichtenaustausch zwischen beiden Hirnteilen statt. Diese Verbindung aber war bei der Katze unterbrochen. So kam es, daß ihre linke Pfote gar nicht wissen konnte, was die rechte tat. Bei gespaltenem Gehirn muß jede Körperhälfte noch einmal neu lernen, was die andere längst kann.

Hiervon abgesehen, traten bei den Tieren keine nachteiligen Folgen auf. Das ermutigte 1961 die beiden Hirnchirurgen P. J. Vogel und J. E. Bogen am Medizinischen Institut von Kalifornien, die gleiche Operation bei Menschen auszuführen, die unter schwerer, unkontrollierbarer Epilepsie litten. Ihre Hoffnung, einen Anfall damit auf eine Körperseite zu begrenzen, wurde weit übertroffen: Es hörten sogar sämtliche Anfälle, auch die einseitigen, nach der Trennung der beiden Hirnhemisphären fast vollständig auf.