Von Michael Jungblut

Wem nützt eigentlich die Entwicklungshilfe? Den Potentaten in den unterentwickelten Ländern, deren Schweizer Konten ständig wachsen, den Regierungen der Geberländer, die sich damit politischen Einfluß erkaufen, den hungernden Massen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas oder nur uns selbst, indem wir unserer Industrie auf dem Umweg, über Entwicklungskredite Aufträge sichern und neue Märkte erschließen?

Vor einigen Jahren war Entwicklungshilfe einfach chic. Seriöse und weniger seriöse Organisationen, die sie auf ihre Fahnen geschrieben hatten, schossen aus dem Boden. Staatliche Mittel wurden eingesetzt, ohne nach langfristiger Zielsetzung und exakter Erfolgskontrolle zu fragen.

Inzwischen wird der Komplex der Entwicklungshilfe mit größerer Nüchternheit betrachtet. Das ökonomische Prinzip, daß man nicht nur nach dem Aufwand, sondern auch nach dem Ertrag fragen muß, setzt sich auch auf diesem Gebiet langsam durch.

Insgesamt 37,1 Milliarden Mark hat die Bundesrepublik zwischen 1950 und 1966 für die Entwicklungshilfe aufgebracht. Die westlichen Industriestaaten zusammen haben allein von 1960 bis 1966 fast 200 Milliarden Mark an öffentlichen und privaten Hilfen in die Dritte Welt gepumpt. Beträchtliche wirtschaftliche und technische Unterstützung gewährten auch die kommunistischen Länder. Trotzdem ist der Abstand zwischen den Reichen und den Armen dieser Welt, zwischen den westlichen und östlichen Industriestaaten und den Entwicklungsländern nicht geringer, sondern größer geworden.

Der Explosion des Wohlstandes in den Industrieländern steht die Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern gegenüber. Trotz aller Erfolge, die mit einzelnen Projekten erzielt wurden, scheinen dort die Massen immer tiefer in eine unbeschreibliche Armut und Unwissenheit abzugleiten. Die Zahl der hungrigen Mäuler wächst rascher als die Möglichkeit, sie zu stopfen. Gerade die Länder, die am lautesten Hilfe von den Industriestaaten fordern und mit anklagendem Finger auf den Egoismus der Reichen weisen, verschwenden einen großen Teil ihrer nationalen Energien und Hilfsquellen darauf, den Nachbarn die Köpfe blutig zu schlagen, statt alle Kräfte darauf zu konzentrieren, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Die geringen Erfolge der Entwicklungshilfe gehen aber nicht allein auf das Konto der Empfänger. Das Fehlen einer langfristigen Konzeption bei den meisten Geberländern und die ständige Versuchung, Hilfe und politische Bestechung miteinander zu vermengen, tragen ebenfalls ihr gerüttelt Maß an Schuld.