London, im September

Wenn Tatsachen zählen, dann ist Harold Wilsons Politik in eine Sackgasse geraten: Mit dem EWG-Beitritt geht es nicht voran, in Rhodesien sitzt das Regime Ian Smith immer noch fest im Sattel, in Aden droht eine Explosion, die Ruhe in Hongkong ist trügerisch. Auch in der Innenpolitik steht es nicht zum besten. Der Traum von einem Exportüberschuß zum Jahresende ist längst ausgeträumt; auch die Hoffnung, die Arbeitslosenzahl in Grenzen zu halten, hat getrogen. Ein Winter des großen Mißvergnügens steht England bevor. Das alles müßte auch einer Regierung schaden, die nicht ein Jahr strengen Sparens mit Lohnstopp, Reisegeld-Beschränkungen für Touristen und steigende Lebenshaltungskosten hinter sich hat.

Auf dem Gewerkschaftskongreß in Brighton machten denn auch die Delegierten ihrem Unmut über Wilsons Politik gehörig Luft. Würde die Labour-Regierung die Bastionen östlich von Suez räumen oder die Rheinarmee abziehen, dann vielleicht könnte die militante Linke der Trade Unions die finanziellen Opfer billigen, die verlangt werden. Sähe eine der wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung wie solider alter Sozialismus aus, dann wäre die Arbeitslosigkeit vielleicht nicht so provozierend für Männer wie den Transportarbeiterchef Cousins oder den Angestellten-Boß Clive Jenkins.

Dennoch war das, was der Premierminister aus Brighton zu hören bekam, keine Revolte, nicht einmal das Aufbegehren von Anhängern, die ihm die Gefolgschaft aufkündigen. In allen kritischen Resolutionen fehlte die Alternative. Gegen Arbeitslosigkeit zu sein ist leicht, sich jedoch zu entscheiden, wie dieses Übel vermieden und damit ein anderes heraufbeschworen werden könnte, ist weitaus schwerer. Auf dem Kongreß war nicht ein Argument zu hören, dem sich Wilson beugen müßte. In der Gewerkschaftsbewegung hat der Regierungschef viele Kritiker, aber keinen mächtigen Gegner. Die Opposition reicht nicht einmal aus, um in den Trade Unions selbst die Phalanx der gemäßigten Exekutive unter George Woodcock wegzufegen und wenigstens in den eigenen Reihen jenen „anderen Wind“ wehen zu lassen, den man Downing Street wünscht.

Bedarf es großer Prophetengabe, um vorherzusehen, daß der Labour- Parteitag in Scarborough nur im Grad der Kritik, nicht aber im Prinzip anders sein wird? Auch dort wird laut nach dem Wechsel der Politik gerufen werden, doch keiner wird sagen können, wie er zu bewerkstelligen sei – es sei denn, die Verschuldung des Landes nimmt zu oder aber die Währung wird abgewertet. Auch in Scarborough wird Wilson davonkommen, und das nicht nur, weil sein Weg der beste unter allen schlechten ist, sondern auch weil keiner weiß, wie man diesen Mann aus seinem Amt bringt, ohne die Labour-Bewegung für zehn bis zwölf Jahre in die Wüste zu schicken.

Nicht nur in der eigenen Partei und in den Gewerkschaften fehlt der Rivale, der das Zeug hat, sich als Alternative zu Wilson zu empfehlen, auch die konservative Opposition ist nicht attraktiv. An dem Freitag, an dem der Gewerkschaftskongreß in Brighton zu Ende ging und erwartet wurde, daß die Konservativen gegen die Labour Party Breitseiten abschössen, brach unter den Tories ein Hausstreit aus. Heath trennte sich von seinem Generalsekretär Edward du Cann, einem Vertrauten Douglas-Homes und Maudlings, und gab dem früheren Gesundheitsminister Anthony Barber den Posten. Diese Wachablösung, so steht zu vermuten, wird noch böses Blut machen. Wilson aber kam noch einmal mit einem blauen Auge davon.

Karl-Heinz Wocker