Von Ben Witter

An diesem Nachmittag hat Maria Wimmer keine Proben zu Albees Stück „Empfindliches Gleichgewicht“ im Hamburger Schauspielhaus. Ein Wendemantel, die graue Popelineseite nach außen, bräunliche Schuhe, flach und spitz, ein gelbes Kopftuch mit Kringeln – es paßte erst besser zu dem Mantel, als es ringsherum grüner wurde – so geht sie die Treppen hinunter und biegt von der Straße gleich rechts ab, am „Römischen Garten“ vorbei.

Der Pfad wird enger. Ihr Wendemantel ist offen. Ihre schlanken Fesseln lassen die Schuhe größer erscheinen. Ihr großer Kopf wird zum Kinn hin schmal. Durch die Fesseln und das Kinn erscheinen ihre Bewegungen leicht, gezielt und beinahe lustig. Die Haut ist nicht gespannt, doch glatt und vorsichtig gebräunt. Ihre linke Hand steckt sie öfter unter den Mantel.

Sie merkt, daß ich mir die Hand länger ansehen möchte, nimmt sie heraus, läßt sie fallen und sagt: „Sehen Sie mal, die hohen Bäume dort, solche Bäume fehlen mir in München-Bogenhausen.“ Ihre Blicke gleiten von den Bäumen herab, sie schiebt ihre linke Hand in die Manteltasche: „Beim Spazierengehen lerne ich übrigens meine Rollen gründlicher, kritzel Stichworte und Passagen auf Zettel und bilde mir plötzlich ein, es wären meine eigenen Texte; es ist ja meine Handschrift, und manchmal weiß ich dann nicht, ob dieser oder jener Zettel in der rechten oder linken Tasche ist. Tonbandgeräte mag ich nicht und Photos.“

Ihre linke Hand zeigt auf einen besonders hohen Baum; das ist eine Hand, die behutsam zufassen und festhalten und alles mit ansehen kann.

Ich spüre, daß sie eine Frage erwartet, mit der sie nicht rechnet. „Wie müssen eigentlich Männer sein, die Ihnen sofort gefallen?“ sage ich und unsere Schultern berühren sich wieder. „Wie Beschützer“, sagt sie, „ihre Stimmen müssen diesen Eindruck vervollständigen. Ich will mich führen lassen und erreichen, daß dadurch mein Bereich abgegrenzt wird, in dem ich mitgestalten kann.“

Die Bäume werden niedriger, wir gehen über eine Asphaltstraße zum Elbufer. Die Luft ist glasig. Ich sage: „Vom Herbst merkt man noch nichts.“