Von Marianne Kesting

Fleißig haben Genets Interpreten herumgedeutelt, ob sein Schauspiel „Die Wände“ nicht ein Beitrag zum Algerien-Konflikt sei, quasi eine Verdammung des Kolonialismus. Sie werden sich nicht schlecht genasführt sehen, wenn sie das Werkstattgespräch zwischen dem Dichter und seinem großen Regisseur Roger Blin nachlesen, der das Stück im April 1966 mit der Truppe Jean-Louis Barraults in Frankreich uraufführte –

Jean Genet: „Briefe an Roger Blin“ / „Der Seiltänzer“; Merlin Verlag, Hamburg; 92 S., 9,80 DM.

Genet hat einen Kommentar bereit, dem man, auf Grund seines übrigen Werkes, allen Grund hat zu trauen: „Normalerweise, sagt man, hätten die Stücke einen Sinn: dieses nicht. Es ist ein Fest, dessen Teile nicht zusammenpassen, es ist die Feier von nichts ... Niemals habe ich das Leben abgebildet oder einen Menschen, Algerien-Krieg oder Kolonisten – sondern das Leben hat ganz von selbst Bilder in mir entstehen lassen – oder zum Leuchten gebracht, wenn sie schon in mir waren –, Bilder, die mich dann zu einer Person anregten oder zu einer Handlung

Er sagt mehrfach, er habe keine seiner Figuren verachtet – „weder Sir Harold, noch den Polizisten, noch die Fallschirmjäger“. Kurzum, Genet ergreift gegenüber seinen Figuren – Herrschern und Beherrschten – keine Partei. Der politische und moralische Aspekt des Kräftespiels ist ihm gleichgültig; schon gar nicht versucht er, die Moral einer Seite zuzuspielen.

Nachdem dies nun klar ist, wird wieder jene andere Deutung auf den Plan treten, die seit Heists simplifizierendem Essay „Genet und andere“ die Runde macht. Sie verfährt nach der überraschenden Logik: wenn Genet nicht „links“ ist, muß er notwendig „rechts“ sein. Denn er leistet sich den Luxus, dort zu träumen, wo die Linke eine Revolution wünscht. Traum aber ist etwas Irrationales, und alles Irrationale ist – in politischem Sinne – Faschismus. Wenngleich diese Logik ein Trugschluß ist (die Gans ist ein Tier – alle Tiere sind Gänse; der Faschismus ist irrational – alles Irrationale ist Faschismus), hat sie doch die Evidenz und die Breitenwirkung schlichten Denkens für sich; man wird künftig wohl keiner Genet-Kritik mehr begegnen, die sich solcher Argumentation nicht bedient. Die Formeln „links“ und „rechts“ leuchten besonders bei einem Autor ein, dessen schwieriges Werk erheblicher Denkanstrengungen bedarf.

Wer aber und was ist Genet, wenn er nicht „links“ und ebensowenig „rechts“? Er ist – horribile dictu – an seiner Kunst interessiert, sein Engagement gilt den Figurationen seiner luxuriösen Phantasie, dem erlesenen Prunk seiner Sprache. Er sieht die Bühne, ganz bewußt, als außermoralische Anstalt und beschwört seinen Regisseur Roger Blin, „ein unvergleichliches Feit“ zu inszenieren und in ein paar tausend Parisern