Von Werner Haftmann

Lieber Herr Schmied,

aus abgelegener Gegend zurückgekehrt, lese ich eben erst Ihren an mich gerichteten Offenen Brief.

Ich habe mich gefreut, daß Ihnen mein Buch über die Malerei des 20. Jahrhunderts, wie Sie sagen, „einmal“ von Nutzen war, bin aber betrübt, daß Sie sich offenbar nicht die Mühe machten, die vorläufig letzte Ausgabe, die 1965 gleichzeitig in Deutschland, England, Holland und den USA erschien, durchzusehen. Dann nämlich wären Ihnen nahezu alle Künstler, die Sie erwähnen – Albers, Bellmer, Geiger, Hundertwasser, Klapheck, Lindner, Oelze, Vasarely – und deren Nichtbeachtung Sie mir vorwerfen, begegnet: alle auch durch eine oder mehrere Abbildungen in einer gewissen Weise herausgehoben. Bellmer würden Sie vermissen. Ich sehe Bellmer aber nicht als Maler, sondern als – vortrefflichen – Zeichner. Als solchen habe ich ihn auch in der weitgehend von mir besorgten Ausstellung der Handzeichnungen auf documenta III von 1964 aufgenommen.

Bleibt einzig Lindner! Ich habe Lindner 1959 in New York getroffen und mich seitdem ständig bemüht, einen Zugang zu seiner Malerei zu finden. Das ist mir leider nicht gelungen – mea culpa?!

Die Künstler also, die Sie namentlich aufführen, haben in meinem Bild von Gegenwart durchaus ihren Platz. Würden Sie aber diese Namen als die der herausragenden und maßgebenden Vertreter des zeitgenössischen Kontextes in der Malerei propagieren wollen, so müßte ich Ihnen freilich meine Gefolgschaft verweigern.

Damit könnte ich meine Antwort bereits schließen. Aber mich bewegen einige Sorgen, die ich gern hier mit Ihnen besprechen würde.