Doch de Gaulles Fahrt in die Vergangenheit weist in die Zukunft

Von Hansjakob Stehle

Arglos schwenkte ein junger Mann das Plakat "Es lebe die DDR", ehe er die ausgestreckte Rechte de Gaulles ergriff. Der General war eben auf dem Warschauer Flugplatz gelandet und sogleich zum Bravourritt über die Hürden eines schwer übersichtlichen politischen Geländes gestartet. Wenige Minuten zuvor hatte sich der Gast aus Paris in ein langes, ganz unprotokollarisches Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Aristow vertieft und war dann – noch weniger protokollarisch – am versammelten Diplomatischen Korps, vor allem aber an Karl Mewis, dem verdutzten DDR-Botschafter, ohne Händedruck vorübergeeilt. So war schon vom ersten Augenblick an der Punkt gekennzeichnet, an dem die politische Romantik, die dem General so reichlich zu Gebote steht, auf die harte Räson der Polen stoßen würde, die nicht daran denken, sich zwischen die Stühle zu setzen.

Staatspräsident Edward Ochab machte ein paar Stunden später vor dem bescheidenen, Polens Verhältnissen angemessenen kalten Büffet deutlich, worauf es seinem Land vor allem ankommt. Vorbedingung der Entspannung sei die Anerkennung der Grenzen und "der Tatsachen, die sich aus der Wirklichkeit Deutschlands ergeben". Da mochte der General, der nachsichtig auf das vorbereitete Manuskript seines Gastgebers blickte, noch so frei und mit weit geöffneten Armen zur großen Tischrede ansetzen, zur philosophischen Beschwörung, nichts sei in einer bedrohten Welt ein für alle Mal gegeben, es gelte "mythische und überalterte Reste von Mißtrauen zu überwinden" – die Polen hielten sich zunächst an das Konkrete. Sie hörten vor allem, daß de Gaulle die Entspannung an keine Bedingung knüpfen will und daß er Verständigung und Zusammenarbeit nicht wie sie an die erste, sondern an die zweite Stelle nach der Entspannung setzen will.

Aber verblaßte nicht solche Meinungsverschiedenheit über die Reihenfolge neben dem großen Ereignis, daß de Gaulle schon am ersten Abend klarer denn je Polen in den "Grenzen, die bestehen und die seine Grenzen bleiben müssen", bestätigte? Aus der Umgebung des Generals war zu hören, daß er – von Bonn ohne konkrete Zusage gelassen – die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Instrument zu benutzen gedachte, um den verhärteten politischen Boden in Warschau aufzulockern.

Hebel ohne Zauberkraft

Am Konferenztisch jedoch, am zweiten Tag im Warschauer Belvedere-Palais, als der Gastgeber Ochab die Geduld des Generals mit der Verlesung eines einstündigen Vortrags auf die Probe stellte – eines Schriftstücks, das nichts enthielt, was de Gaulle nicht schon längst den gesammelten Reden der polnischen Führungsspitze hätte entnehmen können – da mußte dem französischen Präsidenten klarwerden: Sein Oder-Neiße-Hebel wurde zwar als rühmliche Kostbarkeit angenommen, aber auch als eine politische Selbstverständlichkeit, die keine Zauberkraft entwickelt und als Werkzeug nicht ausreichen würde.