Von Rolf Wedewer

In einem Offenen Brief an Werner Haftmann, den Direktor der Berliner Nationalgalerie, hatte Wieland Schmied, der Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover, sein Bedauern darüber ausgedrückt, – daß Haftmanns Vorliebe für den Maler Ernst Wilhelm Nay, so, wie sie sich in einem kürzlich publizierten Katalogvorwort schriftlich niederschlug, eine Geringschätzung aller anderen jüngeren Maler zu beinhalten schien. Auf diesen Brief (ZEIT Nr. 33) reagierte E. W. Nay mit einem Hinweis auf sich selbst (ZEIT Nr. 35), Horst Janssen mit Arabesken zum Fall Nay und Professor Carl Georg Heise mit einem Schlichtungsversuch zwischen Schmied und Haftmann. Außer dem Adressaten des Schmiedschen Briefes äußert sich jetzt Rolf Wedewer, der Direktor des Museums Leverkusen (Schloß Morsbroich).

„In der Bildenden Kunst haben, im Gegenteil, wir uns daran gewöhnt, daß ein Sturm der Entrüstung losbricht, wenn das Werk eines Künstlers nicht nur beschrieben, sondern kritisiert wird.“ Vor dem Hintergrund dieser Feststellung von Rudolf Walter Leonhardt (ZEIT Nr. 35) gesehen sind die Äußerungen Nays symptomatisch. Und das läßt mich darauf antworten, nicht die Behauptung des Künstlers, „daß mein Fall heute einmalig und aktuell ist“. Das nämlich kann man mit Fug bezweifeln, doch ich meine, nach der Diskussion hierüber in der ZEIT vor etwa drei Jahren gibt es dazu noch kein entscheidend neues Argument wieder, das ja nur von Bildern hätte provoziert werden können.

Darum geht es mir hier nur mittelbar um Nay, und lassen wir deshalb auch sein Vokabular, das aus anderen Zusammenhängen peinlich vertraut klingt, beiseite. Vielmehr möchte ich versuchen, einige jener Gründe aufzuzeigen – die Nay nicht zu sehen vermag –, warum jener Artikel geschrieben wurde.

Doch zunächst: die große Bedeutung Haftmanns, dem zumal wir Jüngeren vieles zu danken haben, steht außer jedem Zweifel. Das zu sagen ist zwar schon beinahe – da selbstverständlich – eine Banalität. Gleichwohl habe ich den Eindruck, bei dem hierzulande höchst mangelhaft ausgebildeten Sinn für die Diskussion gegenteiliger Meinungen – von Polemik ganz zu schweigen – es dennoch voransetzen zu müssen.

Haftmann hat in seinem Katalog-Vorwort, auf das Wieland Schmied sich in seinem Offenen Brief bezog, nolens volens, Nay zum verbindlichen Maßstab der Beurteilung junger und nicht nur junger Kunst emporstilisiert. Wenngleich diese hohe Einstufung Nays mir auch keineswegs gerechtfertigt scheint, so läßt sich dennoch unter Umständen darüber streiten. So ist es auch nicht diese Zuweisung, sondern die damit verbundene dogmatische Einseitigkeit Haftmanns, die mich, ebenso wie Schmied, merkwürdig berührt. Steht doch dahinter die Formel „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, die jegliche lebendige Diskussion im Vorhinein verhindert und sei es dadurch, daß sie jegliches In-Frage-Stellen auch schon eines Details als persönliche und fachliche Verunglimpfung deklariert. Zudem verbarrikadiert ein solches Dogma jede Möglichkeit, kritische Kategorien je nach dem zur Diskussion stehenden Phänomen zu differenzieren, eine Grundvoraussetzung jeglichen kunstkritischen Urteils.

Die künstlerische Prämisse eines Nay ist nun einmal eine andere als die eines Brüning, Mack, Lueg, Ücker, Vostell. Damit sei indes nicht behauptet, daß ein Urteil nur innerhalb eines solchen, wenn man will, „stilistischen Systems“ möglich und jeder darüber hinausgehende Verweis unangemessen sei. Ganz im Gegenteil: Jedes kunstkritische Urteil gründet weitreichend auf Empirie und somit Vergleich, aber das bedeutet eben nicht die grundsätzliche Pensionierung des primären Anspruchs und der Notwendigkeit, angemessene Kriterien zu Grunde zu legen.