Und wenn sie schon arbeiten, dann sind es meist in diesem Sinne eher sinnlose Beschäftigungen, denen sie sich widmen: Entweder stellen sie eben ihre unbrauchbaren Bilder und Gedichte her, oder sie probieren exotische Musikinstrumente aus, die indische Sitar zum Beispiel, deren Meister, Ravi Shankar, sie wie einen Heiligen verehren. Manche sticken geheimnisvolle sakrale Zeichen auf breite Armbänder, andere kleben riesige Papierblumensträuße zusammen.

Einige Hippies allerdings sind bereits dazu übergegangen, für sich und befreundete Hippies Gemüse anzubauen, und es gibt inzwischen Hippie-Gemeinden in Kalifornien, die das allen Zivilisations-Gewohnheiten des zwanzigsten Jahrhunderts spottende Hippie-Ideal einer weitgehenden Autarkie im Kleinen schon verwirklicht haben.

Nicht weniger anachronistisch sind die free stores der Hippies – Verschenk- und Tauschläden –, in denen man ohne zu bezahlen mitnehmen kann, was immer man findet. Als Gegenleistung wird lediglich erwartet, daß man, was immer man nicht mehr brauchen kann, hinträgt oder wieder hinträgt. Manchmal liegt in diesen Läden sogar Geld aus, das einstecken kann, wer gerade keines hat.

Und die noch wenigen Hippies, die im Augenblick in London leben, leben – durchweg davon, daß sie Hippie-Güter vor allem für die Wochenend-Hippies und die vereinzelten Touristen produzieren, die sich zu ihnen verirren – phantastische Jugendstilplakate, Holzketten, Amulette, Kif-Pfeifen, mit Augen bemalte Kugeln, Kaleidoskope oder mit der Schreibmaschine geschriebene okkulte Haschich-Kochbücher und natürlich ihre Zeitung, die International Times.

Wahrscheinlich hat es Hippies überall und zu allen Zeiten gegeben. Aber erst seit ein paar Jahrzehnten und nur in den reichen Industrieländern des Westens ist ihre Zahl im Wachsen. Und erst seit ungefähr zwei Jahren und vor allem in den USA nimmt sie rapide zu.

Die direkten Vorfahren der heutigen Hippies sind die amerikanischen Beatniks der späten vierziger und fünfziger Jahre. Sie waren es, die entdeckten, daß man eine Gesellschaft in der Gesellschaft gründen und in ihr leben kann, ohne Not leiden zu müssen: Sie ersetzten den american way of life durch ihren eigenen, und die amerikanische Gesellschaft entdeckte zu ihrer Überraschung, daß die Beatniks älter und älter wurden und dennoch Beatniks blieben – nicht nur die Dichter, Maler und Musiker unter ihnen, sondern auch jene Beatniks, und das war die Mehrzahl, die ohne besonderen Anlaß aus der Tretmühle eines ordentlichen und arbeitsamen Lebens ausgestiegen waren und nun bei ihren Gelegenheitsjobs ebenfalls ohne besondern Anlaß blieben, auch Familien gründeten, ohne fleißiger zu werden, jene scheinbar todsichere Regel verletzend, nach der die Jugend, wenn sie sich erst einmal ausgetobt hat, in die vorgeschriebenen Bahnen einschwenken soll.

Und heute muß die amerikanische Gesellschaft zu ihrer noch größeren Überraschung entdecken, daß das Beispiel Schule gemacht hat: Immer häufiger kehren junge Leute, die ursprünglich bei den Hippies nur einen vorübergehenden kick erleben wollten, nicht mehr in den Schoß der Gesellschaft zurück. Zur Zeit dürfte es in den USA nahezu eine halbe Million Als-ob-Hippies geben, die die Gesellschaft abschreiben kann, und nicht wenige von ihnen für immer. Dieser Schaden ist, in Dollars umgerechnet, bereits beträchtlich, denn die meisten Hippies achten sorgfältig darauf, daß ihre Einkommen unter der steuerpflichtigen Grenze bleiben, weil sie sich sagen, daß, wer auf dem Fußboden schläft, keine Angst haben muß, aus dem Bett zu fallen. An den paar Büchern, Platten und Klamotten, die sie sich kaufen, verdient der Staat weit weniger, als er auf der anderen Seite verliert, und da pot illegal gehandelt wird, geht er sogar dabei leer aus.