Von Joachim W. Hartnack

Yehudi Menuhin ist nicht nur ein bedeutender Geiger, er ist auch ein Problem.

Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Entscheidung darüber, wo das Schwergewicht liegen soll: bei dem pausbäckigen Knaben, der wie kein anderer die Bezeichnung Wunderkind verdiente, weil er künstlerische Leistungen vollbrachte, die vorher oder nachher von keinem anderen Geiger erreicht wurden; bei dem mit den Reifungskrisen kämpfenden Manne, der mit sich selbst einen verzweifelten Kampf um die Bewahrung seiner virtuosen Fähigkeiten und vor allem um seine künstlerische Potenz führte; oder bei dem Fünfzigjährigen, dessen Antlitz zuweilen ein Schimmer des Asketischen durchleuchtet und in dem die vergangenen Kämpfe und gegenwärtigen Verkrampfungen Spuren hinterlassen haben, die nur mit Ehrfurcht und Erschütterung registriert werden können.

Tatsächlich ist Menuhin auch heute in seinen Leistungen unausgeglichen und nicht mehr so zuverlässig wie früher. Wer ihn in schlechter Verfassung hört, kann leicht zu einem abwertenden Urteil gelangen, und wer ständig gleichbleibende Leistungen von einem Künstler fordert, wird nicht immer befriedigt sein. Wer aber das Glück hat, Menuhin in einer Stunde der Gelöstheit zu hören, erfährt künstlerische Offenbarungen, die kein anderer Geiger zu vermitteln weiß.

Yehudi Menuhin wurde zwar in Amerika geboren, am 22. April 1916 in New York, aber auch er gehört zu der Elite jüdischer Geigentalente, die ihren Ursprung in Rußland hat, Yehudis Vater Mosche war der Nachkomme berühmter chassidischer Rabbis aus dem Getto von Gomel in Weißrußland; die Mutter stammte von der Krim. Mit fünf Jahren erhielt Yehudi bei Sigmund Anker den ersten Geigenunterricht.

An diesem Punkte gilt es wieder einmal, eine Legende zu zerstören: Es war keineswegs so, daß der Fünfjährige die Violine unter das Kinn klemmte, um in erhabener Vollkommenheit und zur allgemeinen Verblüffung Beethovens Violinkonzert vom Blatt zu spielen. Aber die Anfangsschwierigkeiten wurden in überraschend kurzer Zeit überwunden.

Nach seinem ersten Konzert erhielt Menuhin einen neuen Lehrer: Louis Persinger, Menuhin selbst betrachtet den Wechsel von Anker zu Persinger als den von einem Handwerker zum Künstler. Aber es wäre besser gewesen, wenn Persinger ein wenig mehr Handwerker gewesen wäre. Denn dieser talentierte Geiger, der einst Schüler von Ysaye gewesen war, konnte zwar dem Knaben die musikalischen Seiten des Geigenspiels vermitteln, war aber nicht dazu in der Lage, ihn zum methodischen Erarbeiten der technischen Grundlagen anzuhalten.