Der „Es-de-es“ ist zum Nachtmahr geworden für alle Symbolfiguren des bundesrepublikanischen Establishment von Albertz über Lücke bis zu Springer. Vor einem Jahr noch ein mitleidig belächeltes Grüppchen unter vielen anderen irgendwo weit links, hat sich die linkssozialistische Studentengruppe inzwischen zu einer Bewegung“ gemausert, mit mehr als zweitausend studentischer Genossen und ungeahnt vielen Mitläufern. Und auch ein „Führer“ hat sich eingefunden, der nicht nur den stechenden Blick und die revolutionäre Haarsträhne, sondern dazu demagogisches Talent und taktisches Geschick vorzuweisen hat.

Wer kannte vor einem Jahr schon Rudi Dutschke? Mittlerweile ist er der Populärsten einer, gleichsam der personifizierte SDS. Wer freilich bei der letzten „Deka“ (Delegiertenkonferenz) des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Frankfurt genau hinhörte, dem konnte das Unbehagen nicht verborgen bleiben, das viele der Genossen ob dieses neuen Personenkults empfanden. Polizei, Presse und Fernsehen haben dem Berliner SDS-Boß zu einer fragwürdigen Berühmtheit verholfen, die ihm selber unheimlich zu werden scheint. Jedenfalls tut man dem Studentenbund keinen Gefallen, wenn man ihn an Dutschkes Taten und sonstigen „Teufeleien“ mißt.

Wolfgang Abendroth war es, der vor Jahresfrist dem SDS die Aufgabe zuwies, sich als „einzige intakte und legale sozialistische Organisation mit festem eigenen sozialen Ort“ zu bewähren. Er sah im SDS geradezu den stabilisierenden Kern der außerparlamentarischen demokratischen Opposition. Damit ist es zur Zeit nicht weit her. Vorerst brennt einigen SDSlern die Sorge auf den Nägeln, wie sie ihre eigene Organisation stabilisieren können. Mehr denn je wogen die Richtungskämpfe hin und her, die mit den Schlagworten „Traditionalisten“ und „Dutschkismus“ nur unscharf umrissen sind.

Dem neuen Bundesvorstand, der angeblich „von Dutschkes Gnaden“ sein soll, wurde ein Politkomitee beigegeben, in dem auch ältere Genossen sitzen, die von den nachdrängenden jungen Semestern als „revisionistisch, reformistisch, ja reaktionär“ abgetan werden. Diese „Konservativen“ betrachten die Aufblähung des SDS mit einigem Stirnrunzeln. Siebzig Delegierte waren in der Frankfurter Mensa versammelt, ein Drittel mehr als im letzten Jahr, und dreihundert Gäste, aber nur zehn bis fünfzehn hatten das intellektuelle Format, um sich vom Rednerpult in die ideologie-theoretischen Diskussionen einmischen zu können. Das zentral gesteuerte Schulungsprogramm, das der letzte Bundesvorstand mit soviel Emphase kreiert hatte, war, nach dem Eingeständnis eines Funktionärs, ein „glatter Fehlschlag“. Nunmehr sollen sogenannte Projektgruppen an den Universitäten, möglichst in Wohngemeinschaften, den Neuzugängern das theoretische marxistische Rüstzeug vermitteln.

Noch hat der SDS nicht alle Brücken zur Realität abgebrochen, noch bemüht er sich um Solidarität mit anderen „außeruniversitären“ und außerparlamentarischen oppositionellen Gruppen, wie der „Offene Brief“ an Ludwig Rosenberg in Sachen Notstand zur Genüge zeigt – mögen auch Dutschke und seine Anhänger das ganze „Establishment“ samt Gewerkschaften und Parlamenten zum Teufel wünschen. Aber hat der an geistiger Substanz geschwächte Studentenbund noch genügend Kraft zur politischen Initiative, genügend Phantasie zur politischen Alternative? Oder reicht es nur noch zum Happening?

K. J.