Heinrich Böll und Peter Weiss antworten hier auf das Manifest der tschechoslowakischen Schriftsteller, Pavel Kohout antwortet auf die Stellungnahme von Günter Grass. Dieser Journalismus der Offenen Briefe ist offenbar die adäquate Ausdrucksform dort, wo persönliche Fragen öffentliche Bedeutung gewinnen. Wir mußten die Briefe leicht kürzen (alle Auslassungen sind mit... gekennzeichnet), um sie hier unterzubringen.

Dieser Tage kam ich von einem zwei Monate langen Aufenthalt auf Kuba zurück... Bei der Durchsicht der angesammelten Post fand ich ein Schreiben vor, abgesandt von tschechoslowakischen Schriftstellern. Erstens eine Einladung des Schriftstellerverbands der ČSSR zur Teilnahme an einem internationalen Symposium in Prag, am 29. November 1967. Zweitens ein anonymes Rundschreiben, publiziert in der Sunday Times vom 3. September 1967. Trotz des grundverschiedenen Charakters der beiden Schriftstücke möchte ich sie gemeinsam beantworten.

Zunächst zum sogenannten Manifest der tschechoslowakischen Schriftsteller an die Weltöffentlichkeit, in dem auch ich persönlich angerufen werde.

Ich bezweifle die Echtheit dieses Dokuments, mit einer Reservation, auf die ich später eingehen werde. Das Schriftstück weist eine Reihe von Behauptungen und Formulierungen auf, die nicht von marxistischen und kommunistischen Intellektuellen abgefaßt sein können.

1. Die Aufforderung, weniger gegen die amerikanischen Massaker in Vietnam, den Faschismus in Spanien, den Militarismus in Griechenland, den Rassismus in den Vereinigten Staaten zu protestieren und die Aufmerksamkeit mehr auf den Terror der Staatsmacht in den sozialistischen Ländern zu richten. Gleichartige Mahnungen sind während der letzten Jahre oft auf mich zugekommen, stets von reaktionärer Seite, stets mit der Absicht, von den Ungerechtigkeiten der Klassengesellschaft und der Aggressivität des Imperialismus abzulenken.

2. Die Nennung von John Steinbeck in dem Hilferuf an die internationalen Schriftsteller. Es müßte den Intellektuellen der ČSSR bekannt sein, daß dieser Autor eindeutig für die Kriegführung der USA in Vietnam eintritt. Auch in der sozialistischen Presse ist darüber berichtet worden. Es müßte ihnen bekannt sein, daß Steinbeck sich in seiner Artikelserie in der Herald Tribune‚ Januar 1967, mit seiner Aggressivität gegen die Nationale Befreiungsfront brüstet, daß er die Verteidiger des Landes verhöhnt und Geschoßhülsen zum Andenken aufbewahrt an die Salven, die er gegen den Feind abgegeben hat. Ihm Achtung vor der Freiheit zuzusprechen und im gleichen Satz den Wunsch zu äußern, mit den Schriftstellern der „ganzen freien Welt“ in Verbindung zu treten, scheint mir, gelinde gesagt, anrüchig.

3. Das Kredo zum Abschluß des Manifestes, zur Verteidigung der Freiheit und zum Kampf gegen den Terror, in dem Präsident John F. Kennedy als Vorbild genannt wird. Vom Beginn seiner Amtszeit 1961 an ist dieser Präsident für den rücksichtslosen Kampf gegen den Sozialismus und die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt eingetreten. Er war es, der die „Spezialkriegführung“ in Vietnam aufbaute, unter seiner Regierung wurden die Maßnahmen der Eskalation und des Angriffs auf die Demokratische Republik Vietnam geplant und wurde der Versuch unternommen, die Revolution in Kuba zu zerschlagen. Im Namen Kennedys an den Geist und das Gewissen der Welt zu appellieren: dies bedeutet, sich der Konterrevolution zu unterstellen.