Von Dietrich Strothmann

Willi Daume, der Präsident des Deutschen Sportbundes, hat keine Schlacht, er hat nur ein Scharmützel gewonnen. Auch mit der jüngsten Sporterklärung der Bundesregierung ist die wichtigste Entscheidung noch nicht gefallen: Was geschieht mit Ulbrichts „Spalterflagge“ und seiner Becher-Hymne bei internationalen Sportveranstaltungen auf westdeutschem Boden? Bonn ist zwar stolz darauf, daß 1972 die Olympischen Spiele in München stattfinden. Ob dort aber, im Falle eines DDR-Sieges, das Tuch mit Hammer und Zirkel gehißt und das Lied „Auferstanden aus Ruinen“ intoniert werden sollen – darüber schweigen sich die zuständigen Ministerialbeamten wie ihre verantwortlichen Minister auch heute noch aus.

Nur dazu fanden sie sich bereit:

  • Wird bei einem Wettkampf im östlichen Ausland Ulbrichts Fahne gezeigt und die DDR-Hymne gespielt, so ist das für die Athleten aus der Bundesrepublik kein Grund zur Abreise. Der schmachvolle Vorfall von Budapest 1966, bei den europäischen Leichtathletikmeisterschaften, soll sich nicht wiederholen. Damals hatte das Auswärtige Amt, wenngleich erfolglos, die westdeutsche Mannschaft aufgefordert, sofort zurückzukehren.
  • Bei Wettkämpfen in westdeutschen Sportstadien dürfen die DDR-Athleten in Zukunft auf dem Trikot ihr Staatsemblem tragen. In den Programmheften wird hinter ihren Namen auch „DDR“ stehen. Verweigert werden ihnen hingegen nach wie vor Fahne und Hymne.

Es ist freilich nur eine Frage der Zeit, bis ihnen auch das zugestanden wird. So will, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen, der Internationale Amateur-Boxverband (AIBA) die nächsten Europameisterschaften nach Köln verlegen. Auf seinem Kongreß in Tunis aber beschied er eindeutig: Der Wettkampf kann nur dort stattfinden, wo keine der beteiligten Mannschaften diskriminiert wird. (Neben Köln hat sich auch Warschau als Austragungsort beworben.)

Bonn möchte, wie es den Anschein hat, einer endgültigen Lösung dieses politisch-protokollarischen Problems aus dem Wege gehen, solange es dazu noch in der Lage ist. Nur schweren Herzens war 1965 die Kompromißlösung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Winterspiele in Grenoble und die Sommerspiele in Mexiko akzeptiert worden. Dort werden zum ersten Male zwei deutsche Mannschaften antreten. Dafür hatten sich die DDR-Funktionäre mit den alten Bedingungen – einer einzigen Fahne mit den Olympiaringen und gemeinsamer Beethoven-Hymne – noch einmal, abgefunden, aber wohl zum letztenmal.

Diese Zwischenlösung gilt sicher nicht mehr für München. Ulbrichts Abgesandte samt ihren Ostblock-Mitstreitern und den westlichen IOC-Mitgliedern, die der „querrelles allemandes“ ohnehin seit langem überdrüssig sind, werden spätestens nach den Spielen in Mexiko eine Anerkennung auch der DDR-Fahne und der DDR-Hymne durchsetzen.