Ein unbekannter, etwa 60 Jahre alter Mann ist nachts in Essen von mindestens zehn Autos überrollt worden, ohne daß einer der Fahrer angehalten und sich um das Unfallopfer gekümmert hätte ... Der Mann erlag seinen schweren Verletzungen,

AP-Meldung vom 8. September

Man kennt die Szene gut: An der Straßenecke fährt ein Polizeiwagen vor, mehrere Männer bemühen sich um einen im Verlauf eines Verkehrsunfalls verletzten Radfahrer (austauschbar durch eine in Ohnmacht gefallene ältere Dame oder eine in einen Luftschacht geratene Taube). Was auch immer es sei, ob Mensch oder Tier, mit oder ohne Scherben, Blut, Schreie: schneller als die Helfer von Amts wegen hat sich eine Menschenmenge eingefunden, die „neugierig“ nur ungern gescholten werden möchte; denn mit Kommentaren wie „grauenhaft“ und „der (die) Arme“ und mit glaubhaft verstörten Gesichtern dokumentiert sie Teilnahme.

Teilnahme jedoch ist ein zartes Pflänzchen, gedeiht nur unter bestimmten Konditionen, zum Beispiel dort, wo eine nicht zu geringe Anzahl anderer Teilnehmender Anonymität oder einen möglichen schnellen Abgang sichert, wo keine Gefahr besteht, Aussagen machen, einen Arm abbinden, Verwandte benachrichtigen zu müssen.

Es waren nicht, wie die Nachrichtenagentur „Associated Press“ meldete, zehn Autos, sondern zehn Menschen, die nachts in Essen über einen Menschen hinweggerollt sind. Der erste, der für das Unglück vielleicht teils, vielleicht auch ganz verantwortlich war, flüchtete in Panik, und das ist gerade deshalb noch am leichtesten zu erklären. Neun weitere Menschen aber machten sich einfach aus dem Staub, wollten nicht involviert werden. Blut, ein schmerzverzerrtes Gesicht, Telephoniererei, Behördenkram, Verdächtigungen womöglich noch – so rollten sie eilig weiter, den Wagen, der durch das Hindernis auf der Straße kurz in ein leichtes Schleudern geraten war, wieder fest im Griff. Moderne Teilnahme ist, wenn man sich darum drücken kann. P. K.