Ja, das war schon fast ein Triumph. Denn Peter Bichsel, ein junger Volksschullehrer aus der schweizerischen Provinz, der bis dahin nichts veröffentlicht hatte, vermochte 1964 mit einem auffallend dünnen Heft auf Anhieb zu erreichen, was seit Jahren keinem einzigen deutschen Debütanten – jedenfalls im Bereich der erzählenden Prosa – jedenfalls war: Er stiftete Eintracht unter den Literaturkritikern.

Wir haben damals seine poetischen Miniaturen gelobt und gerühmt, niemand störte die Harmonie, bald wurde Bichsel preisgekrönt – und mehr als einmal. Aber ich glaube, daß die einmütige Reaktion nicht gegen, sondern für die Kritik spricht: Sie hat die unscheinbare und völlig schmucklose Schönheit seiner Prosa, ihren Charme und ihre Zartheit, ihre leise verschrobene helvetische Eigenart genau erkannt und treffend charakterisiert.

Die erneute Lektüre zeigt, daß Bichsels lakonische und vielsagende Geschichten aus dem Alltag der kleinen Leute – schon der Titel „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ deutet die Atmosphäre und das Milieu an – ihre sanfte Überzeugungskraft mittlerweile nicht eingebüßt haben: Nach wie vor provozieren die lauten Pausen zwischen den Sätzen dieser knappen Idyllen ohne Idyllik, nach wie vor geht von der zwischen den Zeilen verborgenen Klage über das verfehlte Leben eine geradezu alarmierende Wirkung aus.

Es besteht Grund, dies hier noch einmal und nachdrücklich zu sagen. Wenn sich nämlich das zweite Buch eines Autors, den sein Erstling schnell berühmt gemacht hat, als ein Fehlschlag erweist – und das geschieht, wie wir wissen, sehr häufig –, kennt die Schadenfreude der Kollegen, zumal der talentlosen, keine Grenzen. Und rasch wird auch seine frühere Leistung angezweifelt oder ganz geleugnet.

Aber bei einem Schriftsteller vom Typ Peter Bichsels müssen wir mit den unangenehmsten Überraschungen rechnen: Ihm wird noch manches ärgerlich mißglücken. Wahrscheinlich hätte er sich einen zweiten, obwohl natürlich weniger spektakulären Erfolg erzwingen können: wenn er dem Stil und der Technik seiner Miniaturen treu geblieben wäre. Ich bin fast sicher, daß ihm dies keine sonderlichen Schwierigkeiten bereitet hätte.

Indes gehört er zu jenen Künstlern, die zwar wissen, was sie wollen, doch nicht wollen, was sie schon können. Den Weg des geringeren Widerstands, der auf die erfolgreichen Autoren eine ebenso verständliche wie gefährliche Anziehungskraft ausübt, hat er jedenfalls verpönt: Seinem neuen Versuch kann Routine am wenigsten vorgeworfen werden.

Im Gegenteil: Während der Band „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ strenge und schon erstaunlich reife Prosastücke enthielt, erweckt die Arbeit, mit der Bichsel den Schritt von der winzigen Geschichte zur großen Erzählung wagt, eher den Eindruck eines Buches, das ein Anfänger geschrieben hat, ein noch vollkommen unsicherer Schriftsteller, der sich über seine Möglichkeiten und Grenzen nicht im klaren ist.