Von Anne Behrand

Nach Leipzig der Bücher wegen: Alljährlich zweimal wird Goethes „Klein-Paris“ eine für DDR-Verhältnisse offene Stadt. Der Passierschein ist überflüssig, Autos sind zugelassen, an der Grenze verkauft eine liebenswürdige Dame jedem, der ihn haben will, den grünen Messeausweis um 16 Mark. Die Zollkontrolle filzt höflich und nur pro forma, und ein Extraausgang entläßt den Besucher auf die neuerdings mit Radarfallen bestückte Autobahn. Am Wegesrande loben Plakate die Konsumgüter des Landes, in Leipzig markieren Pfeile die richtige Ausfahrt und weisen zunächst zur Quartierzentrale. Auch hier hält sich der Papierkrieg in Grenzen: Anmeldung, Zimmerkarte (man kann wählen: privat oder Hotel, allerdings für den normalen Sterblichen dann nur ein Hotel dritter oder vierter Kategorie, denn im Hotel „Deutschland“ oder der „Stadt Leipzig“ wohnen fürstlich die sozialistischen Delegationen), 25 Mark pro Tag Pflichtumtausch DM gegen MDN, natürlich eins zu eins. Und dann auf ins Messe-Gewühl.

Die Buchmesse hat, wie immer, ihre vier Stockwerke im modernen Messehaus am Markt. Der Eintretende sieht als erstes rot, und das buchstäblich. „50 Jahre roter Oktober“ heißt die Parole, die DDR begeht den 50. Jahrestag der russischen Revolution so enthusiastisch, als sei es die eigene gewesen. Sogar auf der Rückseite einer Speisekarte wird ihrer gedacht. Fast jeder Messestand hat in Schrift und Bild, oft mit Fahnen geschmückt, eine Grußformel angeheftet: „Wir grüßen die Revolution“, „Literatur zum roten Oktober“, „Licht des großen Oktobers“. Dazu Anthologien mit patriotischer Lyrik, Bildbände, historische Schriften oder Dramenliteratur zum Thema, dargeboten in Sonderschauen der einzelnen Verlage oder Sammelausstellungen.

Es dauert nicht lange, da erwischt man sich auch schon dabei, daß man die Welt der Buchmesse in ein „bei uns“, und „bei euch“ einteilt. Frankfurt und Leipzig. Wie ist es hier, wie dort?

In Summa: die Frankfurter Messe ist hektischer, aufwendiger, wenn man will, moderner. In Leipzig spielt sich alles mit größerer Gelassenheit ab, die Verhandlungen, die Bestellungen, der Besuch von Koje zu Koje, das Gespräch unter Kollegen. Frankfurt ist schließlich auch größer, internationaler. Leipzigs Buchmesse begrüßt nur wenige Aussteller aus Amerika, England, Frankreich, Italien oder gar der Bundesrepublik. Aber, und da liegt das verblüffende Fazit des Vergleiches: wer in der DDR Bücher macht, braucht sich ums Geschäft keine Sorgen zu machen. Er sitzt am längeren Hebel und hat das Sortiment zu seinen Füßen – muß freilich auch das kontrollausübende Auge des Ministeriums bei jedem Titel und jeder Planung in Rechnung stellen. Wer bei uns Bücher macht, umwirbt den Buchhändler, umwirbt den Kunden, läuft sich die Hacken ab wegen der Lizenzen und betrachtet sorgenvoll die Konkurrenz. Und eben die hat das Verlagswesen der DDR nicht oder kaum.

Wichtige Themen werden nur einmal vergeben, für jeden Themenkreis ist ein besonderer Verlag zuständig, die Auflagen sind so beschränkt, daß das Angebot weit hinter der Nachfrage zurückbleibt. Man vernimmt, daß gelegentlich ganze Auflagen vor Erscheinen auf dem Markt so vergriffen sind wie bei uns nur die Karten zu Karajans Konzerten. Die selbstbewußte Ruhe, mit der in den großen Verlagen Bestellungen entgegengenommen werden beziehungsweise das vorhandene Kontingent möglichst gerecht verteilt, findet bei uns ihre Entsprechung in der Gleichmütigkeit, mit der umgekehrt die Buchhändler wählen, prüfen und remittieren. Die Kehrseite der Medaille: Wo kein Wagnis ist, ist oft auch kein Elan, wo sich die Freude am Experiment unerbittlich am Papierlimit. der mangelnden Druckkapazität oder dem Vorrang anderer Objekte totläuft, ist oft Resignation das Ergebnis. Wettbewerb, Werbung, unter Umständen auch einmal der totale Mißerfolg und auf der anderen Seite der große Bestseller – alles das gibt es in Leipzig nicht.

Sonst allerdings gibt es manche Parallele: Auch hier steht das Sachbuch in vorderster Reihe, gefolgt von sorgsam gemachten Kunst- und Bildbänden. Der Aufbau-Verlag betreut die Klassikerreihen (in denen bereits auch Arnold Zweig und Anna Seghers zu finden sind); Rütten & Loening annonciert einen neuen Band des „Aula“-Autors Kant.