Zunächst sie, die Hauptperson, meine Tochter: Sie hört – wenn sie will – auf den Namen Sabine, ist bis 1,26 akzeleriert, wiegt an die 21 Kilo und hat, seit man ihr leider die Zöpfe nahm, keine besonderen Kennzeichen. Nun, eins hatte sie doch: Sie konnte immer noch nicht lesen, auch als sie schon sechs Jahre, vier Monate und zwölf Tage alt war.

Solche kulturelle Rückständigkeit mußte ihre Gründe haben. In der Intelligenz – oder deren Mangel – waren sie nicht zu suchen. Zwar war an ihr noch kein Test exekutiert worden, doch schätzten die Eltern den IQ auf 150; die Nachbarn – je nachdem – hielten die Intelligenz für „signifikant hoch“ bis „mäßig normal“; und selbst die Pädagogen meinten, daß sie Sabine „begaben“ könnten.

Sabine spricht die „public language“ des Spielplatzes und versteht die „formal language“ der Eltern. Die sozio-kulturellen Determinanten des Lernens sind bei Sabine also im großen und ganzen in Ordnung, und man wird die Gründe für ihre Leserückständigkeit woanders suchen müssen.

Sie sind bald gefunden: Sabine ist ein „kurzschuljahrgeschädigtes Kind“. Weil sie Niedersächsin ist, durfte sie am 1. Dezember 1966 nicht, wie sonst in anderen deutschen Bundesländern, in die Schule, obwohl sie so gern wollte und doch schon über sechs Jahre alt war. Das lag an der niedersächsischen Kultur und ihren Verwaltern, und die werden sicher ebenso ihre Gründe gehabt haben, wie Sabine die Folgen zu tragen hat. Denn sie folgt ihren Eltern in ein anderes Kultur-Hoheitsgebiet, und dort können ihre fast gleichaltrigen Gefährten nach zwei Kurzschuljahren vermutlich schon lesen, wenn die Lehrer es nicht verhindert haben, wie man in der Zeitung liest.

Diese Altersgefährtinnen werden mit siebzehn Abitur, Sabine aber wird es erst mit neunzehn als älteres Mädchen machen – welcher Vater würde seiner Tochter ein solches Schicksal nicht ersparen wollen? Zumal es heute Möglichkeiten gibt, die kulturelle Rückständigkeit aufzuholen und damit das Schicksal des frühen Alterns zu wenden.

Man liest es in allen Zeitungen: Die „sanfte“ Revolution des frühen Lesenlernens ist ausgebrochen. Was der dreijährige Tommy Lunsky in Amerika, der vierjährige Hartmut in Gießen, warum sollte es die sechsjährige Sabine in Niedersachsen nicht können: Lesenlernen zu Hause bei den Eltern? Viele Leichtgläubige versuchen es; auch diese Revolution wird vor allem von ihnen getragen, und warum sollten wir uns nicht anschließen, zumal wir wegen der „kulturellen Rückständigkeit“ unserer Tochter doch danach trachten mußten, mit dieser Vergangenheit nicht zugleich ihre Zukunft zu verspielen.

Also beschlossen wir, Sabine zu Hause das Lesen zu lehren, damit sie in dem neuen, fremden Lande sogleich ihrem Alter gemäß in die zweite Klasse eintreten könne. So begannen wir, Sabine zu Hause das Lesen zu lehren, und was für sechsjährige „Spätleser“ zutrifft, wird vermutlich noch mehr für drei- oder vierjährige „Frühleser“ gelten. So mag es nützlich sein, Erfahrungen mitzuteilen.