Washington, im September In Amerika sind die sommerlichen Unruhen in den Negerslums der Großstädte abgeflaut; die Agitatoren der „Schwarzen Macht“ wie Rap Brown werden mit Auslieferungs- und Haftbefehlen von Bundesstaat zu Bundesstaat Haft- oder halten wie Stokeley Carmichael Brandreden nur noch im Ausland zwischen Havanna, Hanoi und Algier. Die Spannungen zwischen Weiß und Schwarz sind etwas abgeklungen; dies ist freilich keine Gewähr gegen ein neues Aufbrechen im nächsten Jahr. Der Kongreß und die Mehrheit der weißen Bevölkerung verharren in Mehrheit sität und Abwehrhaltung gegen alles, was mit dem Schlagwort „civil rights“ oder der materiellen Förderung der Farbigen im Zusammenhang steht; das wohl eklatanteste Beispiel dieser Reaktion war die Zurückweisung des vom Weißen Haus befürworteten Gesetzes zur Bekämpfung der Rattenplage in den Slums durch das Kapitol. Der Ausgleich zwischen den Rassen stagniert, doch ist keine Antiklimax zu den Aufständen in Newark oder Detroit mit einer gewalttätigen Gegenbewegung weißer Radikaler eingetreten.

Amerikas Führungsschicht bemüht sich vielmehr, wieder zusammenzuflicken, was im Sommer zerstört worden war an Vertrauen und gutem Willen. Die vom Präsidenten eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Rassenunruhen unter Gouverneur Otto Kerner und mit dem tüchtigen, humanen und aufrechten Washingtoner Rechtsanwalt Dr. Ginsburg als Generalsekretär arbeitet in der Stille; sie wird ihre Empfehlungen in etwa vier Monaten vorlegen. „Arbeitsplätze für die farbigen Amerikaner“ – dieses Motto wird an der Spitze ihrer Vorschläge stehen. Oft erweisen sich kleine, aber energisch gesteuerte Maßnahmen gerade in diesem Bereich als heilsam: In der Hauptstadt wurde in diesem Sommer die Operation „Pride‘s“ gestartet; sie beschäftigt nahezu tausend stellungslose jugendliche Neger mit der Verschönerung und dem Säubern von Straßen und Plätzen. Das Projekt wäre wegen Geldmangel jetzt eingestellt worden, hätte nicht das Arbeitsministerium einige hunderttausend Dollar bereitgestellt.

Amerikas weißes Establishment ist sich bewußt, daß die Lage ernst bleibt und noch gefährlicher werden kann, je mehr von den vielen tausend Farbigen, die in Vietnam gekämpft haben, zurückkehren. Sie können es einfach nicht dulden, daß sie in der Heimat wieder in den Stand der Degradiertheit versetzt werden. Einer ihrer meistbeachteten Sprecher ist der Leiter der „Urban League“, Whitney Young. „Wenn wir in Vietnam gelernt haben, zusammen zu sterben, sollten wir zu Hause in der Lage sein, zusammen zu leben“, sagte dieser gemäßigte Negerführer nach einer Inspektionsreise auf dem südostasiatischen Kriegsschauplatz. In der Tat liegt der Prozentsatz von farbigen Soldaten und Unterführern bei den US-Einheiten in Vietnam hoch über ihrem Bevölkerungsanteil; ihre soldatischen Leistungen sind unbestritten und von General Westmoreland auch anerkannt worden.

Als wolle er der Bereitschaft der weißen Führungsschicht zum Ausgleich unter den Rassen sichtbar Ausdruck geben, hat Lyndon B. Johnson nun auch einen Farbigen und Fachmann für städtisches Wohnungswesen, Walter Washington, zum Oberbürgermeister der Hauptstadt Washington ernannt. Sein offizieller Titel ist „Commissioner“, aber er wird, sobald seine Wahl vom Senat bestätigt worden ist, das bisher die Hauptstadt verwaltende Gremium von drei Stadtdirektoren mit erweiterten Vollmachten und einem neuen Organisationsgesetz ablösen. An der Spitze des Machtzentrums der westlichen Welt wird damit künftig ein Neger repräsentieren und amtieren.

Mit dieser Ernennung vollzog Johnson aber keineswegs nur eine Auszeichnung und Ehrung. Der als „District of Columbia“ bekannte engere städtische Verwaltungsbereich der Hauptstadt Washington hat seit dem amerikanischen Bürgerkrieg keine gewählte Selbstverwaltung und kein gewähltes Stadtoberhaupt. Er untersteht der Hoheit des Kongresses und seiner für den „District“ zuständigen Ausschüsse, in denen die Konservativen, den Ansprüchen der Neger überwiegend kühl oder ablehnend gegenüberstehenden Südstaatler-Demokraten den Ton angeben, in Haushaltsfragen dem „Bureau of the Budget“ der Bundesregierung und in der Ernennung der „Stadtdirektoren“ oder „Commissioners“ dem Präsidenten im Weißen Haus. Die Einwohner der Hauptstadt haben kein Wahlrecht; erst seit 1964 dürfen sie wenigstens bei den Präsidentenwahlen mitwählen. Von den rund 810 000 Bewohnern des „Districts of Columbia“ sind 64 Prozent Farbige. Die etwa zwei Millionen weißen „Washingtoner“ wohnen in den Vorstädten der angrenzenden Bundesstaaten Virginia und Maryland, außerhalb der Verwaltungshoheit der Hauptstadt. Walter Washington als erster Bürgermeister einer amerikanischen Großstadt – und als erster Oberbürgermeister Washingstons seit 94 Jahren – ist daher auf Grund dieser Gegebenheiten als Farbiger berufen worden. Seine Ernennung soll zugleich verhindern, daß sich unter der farbigen Bevölkerungsmehrheit des Distrikts, die wegen ihres hohen Beschäftigtenanteils in den Bundesministerien allerdings eine breite und besonnene Mittelschicht aufweist, der Zündstoff unerfüllter Vertretungsansprüche sammelt.

Der neue „Ober“ ist 52 Jahre alt und mit einer Pädagogin verheiratet, die den Doktortitel erwarb und das Mädchen-job-corps leitet. Washington hat Jura studiert und 25 Jahre im Wohnungsamt der Hauptstadt gearbeitet. Bis zu seiner Ernennung war er Leiter des Amtes für Wohnungswesen in New York, wohin ihn Bürgermeister Lindsay berufen hatte. Er ist ein handfester, tüchtiger Beamter, aber kein Civilnights-Politiker von flammendem Ehrgeiz. Das macht ihn den Militanten der Negerbewegung verdächtig, der weißen Bevölkerungsminderheit von Washington indessen angenehm. Als Stellvertreter wird ihm ein Fachmann der großstädtischen Verwaltung, Thomas W. Fletcher, zur Seite stehen, der viele Jahre Stadtdirektor von San Diego in Kalifornien war; Fletcher ist Weißer. Walter Washington hat vom Stil des cleveren Lindsay in New York einiges gelernt. Wie dieser will er „unters Volk“ gehen, ihm aufs Maul schauen, seine Beschwerden und Wünsche hören.

Doch nicht nur dem Volk. Nach dem neuen Organisationsgesetz für die Hauptstadt wird Washington künftig auch einen Stadtrat mit neun Mitgliedern haben, die ebenfalls vom Präsidenten ernannt werden. Die Stadträte haben vorwiegend konsultative Befugnisse, aber Walter Washington kann diesen „Rat“ nicht einfach umgehen. Die ganze Reorganisation ist ein vom Kongreß angenommener, stark verwässerter Kompromiß zwischen der von der Einwohnernehrheit angestrebten vollen Selbstverwaltung – mit einem gewählten Stadtparlament und Stadtoberhaupt – und dem alten Zustand. Es ist für die Hauptstadt ein Abschnitt des Überganges zur Selbstverwaltung hin, vor der noch immer die Barrieren des Kongresses stehen. Immerhin können die Washingtoner nach einem Jahrhundert strenger Bevormundung jetzt rufen: „Es lebe der Oberbürgermeister Washington.“ Joachim Schwelien