Nierstein/Rhein

Die Beteiligten haben dieses Bild selbst geprägt: Wildwest liegt links vom Rhein. Und der vielbesungene Wein wird kaum noch, wie seit urdenklichen Zeiten, nur von ehrsamen Winzern vertrieben, sondern von Gruppen, die ihre Geschäftsmethoden gelegentlich von den berüchtigten Syndikaten aus der amerikanischen Frühgeschichte übernommen haben sollen. So hört man es jedenfalls, und der Spektakel ist riesengroß.

Die verdächtigen Herren scheuen sich nicht, neuerdings wechselseitig das haarsträubende Geschäftsgebaren des bösen Konkurrenten in aller Offenheit anzuprangern. Vergangene Woche lud der Frankfurter Finanzberater Edmund Müller Journalisten zu sich, um ihnen unter anderem mitzuteilen, daß die Bad Kreuznacher Volksbank (KVB), ein bedeutendes Geldinstitut in Rheinland-Pfalz, „mit Methoden arbeitet, wie sie früher in Texas üblich waren“.

Müllers Pressekonferenz hatte einen aktuellen Anlaß. Wenige Stunden zuvor war sein Auftraggeber, die zu den bekanntesten rheinhessischen Weingroßkellereien zählende Firma Nikola Baum KG in Nierstein, in Konkurs gegangen. Der entthronte Chef Klaus-Günter Baum, vor kurzem noch Millionär, präsentierte sich „mit den letzten 140 Mark in der Tasche“ und entkorkte für die Zeitungsleute „die letzte Flasche Wein, die ich besitze“.

Kellereibesitzer und Großhändler Baum schiebt seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Bad Kreuznacher Volksbank in die Schuhe. In einer am gleichen Tage gestellten Strafanzeige machte er gegen das Geldinstitut wegen Untreue und „anderer krimineller Handlungsweisen“ Schadenersatzansprüche von drei Millionen Mark geltend. Die „Rheinische Weinagentur“ Kauth aus Würzburg will ebenfalls gegen die Bank vor den Kadi ziehen. „Das sind nur zwei Fälle“, verriet Finanzberater Müller. „Wenn ich alle von dem Schwindel betroffenen Firmen zusammennehme, sind Ersatzansprüche von rund zehn Millionen Mark zu stellen.“

Vor ihrem Zusammenbruch waren einige der besagten Firmen Mitglieder und Genossen der Volksbank. Die Begründung ihrer Klage: Sie seien geschädigt worden und schließlich zugrunde gegangen, weil die Bank einen anderen Genossen, den Weingroßhändler Walter Geil aus Bermersheim (Kreis Alzey) mit Millionenkrediten gestützt habe, nachdem dieser schon nicht mehr zu retten gewesen sei. Die KVB habe, um sich selbst zu sichern, die betroffenen Firmen zu riesigen Geschäften mit Geil ermuntert und – da der gesamte Geldverkehr über Bad Kreuznach lief – entsprechend manipuliert.

Walter Geil, ein junger Mann von 31 Jahren, wurde schon im Januar 1966 aus seinem Betrieb heraus verhaftet. Zuvor hatte ihn ein Mainzer Gericht wegen der Vernichtung von Geschäftsbüchern zu einer Gefängnisstrafe von mehreren Monaten verurteilt. Seitdem hütet der Pleitegeier den unvollendeten und verwaisten supermodernen Umschlagplatz für Rheinwein. Geil ereilte das gleiche Schicksal wie eine Reihe anderer Unternehmen, die in den fünfziger Jahren mit Vehemenz in das Weingeschäft eingestiegen waren.