Nicht nur mit dem gekidnappten Moise Tschombé läßt sich politisch trefflich wuchern. Auch seine beiden britischen Piloten sollen verschachert werden. Der algerische Staatspräsident Boumedienne will sich, so ist in Algier zu hören, ihre Freilassung teuer bezahlen lassen: London soll Verhandlungen mit der Nationalen Befreiungsfront (NLF) in Südarabien aufnehmen, um diese Guerilla-Organisation gegen ihren Rivalen, die „Befreiungsfront für den besetzten Südjemen“ (,Flosy’), politisch aufzuwerten. Um dieses Intrigenspiel zu durchschauen, muß man wissen, daß die „Flosy“ von Nasser unterstützt wird – und daß alles, was Kairos Einfluß schmälert, Algiers Position im arabischen Lager verbessert.

Die Ereignisse im Hinterland der britischen Kronkolonie Aden haben sich in den letzten Wochen überschlagen. Weder die Briten noch die Ägypter, die als Schutzmacht im benachbarten Jemen ein Wörtchen mitreden wollen, hatten den paradoxen Ausgang der südarabischen Wirren voraussehen können. Die britische Labourregierung, ihrer Verpflichtungen überdrüssig, will heute mit den arabischen Nationalisten über die Unabhängigkeit Südarabiens verhandeln, nachdem sie gestern noch gegen den erbitterten Widerstand derselben Nationalisten einer von ihr protegierten Regierung der Sultane, Emire, Scheichs und Scherifen das Land hatte überlassen wollen. Und in eben dem Moment, da die Kolonialherren und die Fürsten auf der ganzen Linie kapitulieren und nur noch daran denken, wie sie sich möglichst rasch und mit heiler Haut davonmachen können, zerfleischen sich ihre republikanischen Gegner im Bruderkrieg.

Von der Südarabischen Föderation, jenem konservativ-feudalistischen Staatsgebilde, mit dem London dem Machtstreben Nassers einen Riegel vorschieben wollte, ist als Torso nur noch die Bundesarmee übriggeblieben, der starke Sympathien für die NLF nachgesagt werden. Gelingt es den Truppen, den Bruderkrieg zu beenden, so kann Großbritannien froh sein, noch so glimpflich davongekommen zu sein. Noch vor einigen Monaten schien es, als müßten britische Kreuzer und V-Bomber noch auf lange Zeit in jener Gegend stationiert bleiben, um die Föderationsregierung gegen die anbrandende Welle des sozialistisch eingefärbten arabischen Nationalismus’ zu schützen.

Die Feudalherrscher haben jetzt im Exil Muße, über die Vergänglichkeit alles Irdischen und britischer Garantien im besonderen nachzugrübeln. Auch König Feisal von Saudi-Arabien, der davon träumen durfte, eines Tages die Briten in ihrem Protektorat über Südarabien abzulösen, wird über den Sieg der Republikaner an seiner Südgrenze nicht eben glücklich sein. Ihn mag es trösten, daß sein Gegenspieler Nasser ebenfalls seinen Weizen nicht mehr blühen sieht, seit die auf Unabhängigkeit von London und Kairo bedachte NLF das Heft in die Hand genommen hat.

Viel Blutvergießen wäre Briten und Arabern vermutlich erspart geblieben, hätte nicht vor fünf Jahren die letzte konservative Regierung in London die wenig glückliche Idee gehabt, die reiche Handelsstadt Aden mit den mittelalterlichen Sultanaten zu verkuppeln, obwohl sich Nationalisten und Gewerkschaften mit Händen und Füßen dagegen sträubten. Die Arbeiter von Aden – viele von ihnen stammen aus dem Jemen – müßten um ihren Wohlstand fürchten (sie beziehen die höchsten Löhne im Nahen Osten), sofern es den reichen Kaufleuten von Aden und den Sultanen mit Hilfe britischer Kanonen und britischer Anleihen gelänge, ein neokolonialistisches Regime zu errichten.

Wieder einmal ist ein Experiment britischer Staatskunst mißglückt, durch ebenso kunstvolle wie widersprüchliche Föderationen Teile des alten Empires möglichst unverändert von der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit zu überführen.