Von Jörg Drews

Die Texte von H. Schuldt (1941 geboren, in London lebend)) haben bisher in Deutschland nicht die ihnen gebührende Resonanz gefunden. Das hat seine Gründe. Allgemein wird noch immer eine Literatur bevorzugt, in der Sprache als Vehikel für möglichst viel Inhalt, Psychologie, Weltanschauung fungiert; demgegenüber stehen Schuldts Theorie, seine Idee von Literatur und seine bisherigen Arbeiten in einer Tradition, die in Deutschland nie so recht heimisch wurde: in der Tradition des Surrealismus.

Doch Schuldt ist kein später Epigone; wenn man im Zusammenhang mit seiner bisherigen Produktion den Begriff „Surrealismus“ nennt, so ist dabei nicht mehr an das Bretonsche „zufällige Zusammentreffen eines Regenschirmes und einer Nähmaschine auf einem Operationstisch und auch nicht an jenes „automatische Schreiben“ zu denken, das so automatisch, wie es die Theorie forderte, sowieso nie war. Schuldt weiß, daß die Überraschungen sich nicht zufällig ergeben, nicht quasi aus der Wirklichkeit abschreibbar sind, sondern hergestellt werden müssen: Korke pflastern Viadukte. Netze wenden Scherben.

Trichter türmen Nebeleisen. Brocat gleitet durch schwarzes Gebälk. Perlen trinken Zinnsäfte aus Violinen. Dieses kleine Stück aus seiner „Steinigung der Nacht“ (1960) zeigt das surrealistische Prinzip der „Juxtaposition“ von Wörtern (und damit Bildern) zur Erzielung poetischer Effekte, doch weder ist es von planloser Automatistik noch auch nur eine Reihung kleiner surrealistischer Volten, wie sie in der Epik in mancher Erzählung Queneaus vorliegen. Schuldts Texte stellen vielmehr die „gedichtete“ Grundlage für das dar, was die Surrealisten alten Schlages sich vom unmittelbaren Beobachten und Reproduzieren nichtrationaler Bewußtseins Vorgänge erhofften: Anregung der Phantasie, Schärfung des bildlich-poetischen Sinnes, Erweiterung der verbalen und imaginativen Kräfte, Erschließung neuer Sinnbereiche.

Auch seine zweite Veröffentlichung „Blut des Metronomen“ (1965) bot Texte, an denen eine an Sprachspielen interessierte Intelligenz sich üben konnte:

Gleißen des Blutes

Zier des Blutes