Von Wolfram Siebeck

Es gab einmal eine Zeit, liebe Blumenkinder, da kannten die Menschen die guten Drogen noch nicht. Weder rauchten sie das bekömmliche Haschisch, noch gab es das herrliche LSD. Was nun taten die bürgerlichen Kreise in ihrer Verzweiflung? Sie ergaben sich einem schrecklichen Rauschgift, das sie Alkohol nannten. Es war dies eine Flüssigkeit von weißer bis brauner Färbung, die sie in kleinen Schlucken tranken. Nach alten Überlieferungen kamen sie in der Mitte unseres Jahrhunderts zu sogenannten Bottle-Partys zusammen – eine Art von drink-in. Kostümiert mit exotisch weißen Hemden und kleingemusterten Textilstreifen, den Krawatten, zogen sich die Trinker in ihre private Traumwelt zurück. Sie sprachen einen eigenen Jargon, dessen Wortschöpfungen wie „durchgegoren“, „Originalabfüllung“, „Riesling“ und „Spätlese“ sich alle auf die flüssige Droge bezogen. Andere Decknamen waren „Whisky“, „Cognac“ und „Aperitif“ und ähnliche, phantasievolle Synonyme.

Das Alkohol-Unwesen drang in alle Bereiche des kulturellen Lebens ein; besonders in der Musik und in der Literatur fanden sich mehr oder weniger unverblümte Anspielungen. Im Jazz, einer Musikart, die sich besonders unter den Trinkern von sogenanntem Schnaps großer Beliebtheit erfreute, forderten Kompositionen wie „Take Five“ eines gewissen Dave Brubek zu gesteigertem Alkoholkonsum auf, machte das „Don’t Be That Way“ eines Benny Goodman die Alkoholgegner lächerlich. Eine Abart dieser Schnaps-Musik, Cool-Jazz genannt, spielte auf die Sitte an, gewisse Sorten der flüssigen Droge mit Eis zu vermischen.

Die Literaten jener Zeit, allen voran die Iren und die Rheinländer, scheuten sich nicht, ihr Bekenntnis zum Trunk öffentlich zu demonstrieren.

Noch Ende der vierziger Jahre stellten die Trinker ihren Stoff selber her. Als Grundlagen dienten ihnen Kartoffeln und Rüben. Später, als ihre Forderung nach Alkohol nicht mehr zu überhören war, kamen dann die erwähnten Getränke in Mode. Sie wurden schließlich legal verkauft. Auch Spezialgläser, aus denen sie getrunken werden konnten, waren überall zu haben.

Ich kann mich erinnern, daß ich, als ich in eurem Alter war, zufällig in so ein bürgerliches drink-in geriet. Das Bild der diskutierenden Trinker wird mir unvergeßlich bleiben. Schrecklich war die Erregung, mit der sie ihre konformistischen Gedanken äußerten. Von Politik war die Rede, und schließlich beschloß die alkoholisierte Runde, bei der nächsten Landeswahl mit abzustimmen. Wie ich später erfuhr, haben sie ihr Vorhaben sogar wahrgemacht. Ein Zeichen dafür, daß der gefährliche Alkoholrausch Nachwirkungen hatte, unter denen wir Pot-Genossen nicht mehr zu leiden haben.

Erst gegen Ende der sechziger Jahre begann jene Mode abzuklingen. In den sensiblen Mägen der flower children fand die ungesunde, gefährliche Lebensart ein natürliches Ende.

Hippie-Hippie-Hurra!