Heidelberg

Als „erschütternd“ und „haarsträubend“ hat der CDU-Fraktionsvorsitzende im badenwürttembergischen Landtag, Camill Würz, die Verhältnisse in den bald hundert Jahre alten Kliniken der Universität Heidelberg bezeichnet. „Wer sich die Zustände in den Klinikbauten ansieht, gewinnt den Eindruck, daß der manchmal oberflächliche Gebrauch des Begriffes Notstand dazu führt, wirkliche Notstände zu übersehen.“ Jetzt endlich hat sich dies bis in den Stuttgarter Landtag herumgesprochen. Als vor einem Jahr die Staatskanzlei unter Kiesinger von dieser „Kulturschande“ Kenntnis nahm, wurde nicht viel unternommen. Im Gegenteil, die Verhältnisse sind immer schlimmer geworden. Der Heidelberger SPD-Abgeordnete Wegmann gab dies 7.1 Protokoll und meinte, in einem privaten Unternehmen wäre in solch einem Fall schon längst die Gewerbeaufsicht eingeschritten. „Bei staatlichen Einrichtungen geschieht dies offensichtlich nicht“, meinte er resigniert.

Resignieren will aber die Ärzteschaft nicht. Sie hat an Regierung und Landtag appelliert, daß umgehend Abhilfe geschaffen werden müsse. Die gegebenen Zustände könnten nicht mehr verantwortet werden, hieß es kürzlich im Ärzteblatt für Baden-Württemberg. Demnach ist es in der Hautklinik bereits so weit, daß „die Gesundheit der Patienten aus baulichen und hygienischen Gründen gefährdet ist.“ Die Frauen mit Hautkrankheiten und die weiblichen Geschlechtskranken haben nur einen gemeinsamen Waschraum und keine getrennten Toiletten.

Auch in der Männerabteilung ist die aus hygienischen Gründen gebotene Trennung von Geschlechtskranken und Hautkranken nicht in allen Stationen möglich. In der Kinderstation ist sogar nicht einmal die hygienische Zubereitung des Essens gewährleistet.

In der Hals-Nasen-Ohren-Klinik müssen die Frischoperierten aus dem Operationssaal mit Krankentragen über eine Straße in die Stationen in einem anderen Gebäude gefahren und dann die Treppen hinaufgetragen werden. Die sogenannte Sonderstation, in der die Patienten nach gehörverbessernden Operationen untergebracht werden, ist nur durch den Tagesraum der Männerstation zu erreichen und hat kein Badezimmer. Auch in der vorwiegend mit Krebskranken belegten Männerstation, die über 22 Betten verfügt, gibt es kein Badezimmer.

Wie aus einer Denkschrift der Medizinischen Fakultät hervorgeht, entspricht auch die Kinderstation der Augenklinik in keiner Weise den gesundheitspolizeilichen Vorschriften. Messungen in dem Aufenthalts- und Schlafraum der Kinder haben ergeben, daß der von der Straße hereindringende Lärm ein Maß erreicht hat, das in einem gewerblichen Betrieb das Eingreifen des Gewerbearztes wegen drohender Lärmschädigungen notwendig machen würde. Im Ärzteblatt wird dazu gesagt: „Auch die hygienischen Einrichtungen sind so schlecht, daß für die Klinikdirektion eigentlich die Weiterführung der Kinderstation nicht mehr zu verantworten wäre.“

Unter dem baulichen Notstand haben aber nicht nur die Patienten und die Ärzte, sondern auch die Forschung zu leiden. „Wahrscheinlich würde ein Privatlaboratorium mit solchen Verhältnissen von den zuständigen Behörden geschlossen werden“, schreibt die ärztliche Pressestelle. Das Assistentenzimmer von gut 20 Quadratmetern Größe muß für zehn Assistenten Platz bieten. In der Hautklinik können im Hörsaal keine bettlägerigen Patienten vorgeführt werden. Auch in der Medizinischen Klinik ist angeblich die Fortführung wichtiger Forschungsarbeiten gefährdet, weil es an der apparativen Ausrüstung fehlt. Die Untersuchung von Patienten in ehemaligen Umkleidekabinen muß unter „völlig unwürdigen und hygienisch unzulänglichen Bedingungen“ vorgenommen werden. Die Folgen dieser Verhältnisse: In Heidelberg hat sich seit Kriegsende niemand in Hygiene und Bakteriologie habilitiert.