Noch hatte sich Ulbricht kaum erholt von einem ziemlich unbegründeten Schreck über die polnisch-französische Annäherung, noch hatte er kaum die letzte, bulgarische Etappe seines großen Rennens nach rückversichernden Bündnissen hinter sich, da ließ er seinen Ministerpräsidenten Stoph zur Feder greifen, um Bundeskanzler Kiesinger zu antworten. Dabei hatten nicht wenige Anzeichen darauf hingedeutet, daß Ostberlin diese Antwort überhaupt schuldig bleiben wollte; noch am 7. September tat Stoph vor den Bulgaren in Sofia so, als habe er „bis zur Stunde“ auf seinen ersten Brief an Kiesinger noch keine Erwiderung erhalten.

Der Sinneswandel, der die DDR-Funktionäre bewog, doch eine neue Epistel nach Bonn zu schicken, ist mit den Ereignissen der letzten zwei Wochen eng verknüpft. Es ist das Gespenst der Isolierung, das die DDR dazu treibt, den dünnen Gesprächsfaden mit Bonn trotz aller ideologischen Bedenken nicht abreißen zu lassen – sozusagen für alle Fälle.

Gerade in Bulgarien war nämlich Ulbricht seines Erfolges nicht ganz so froh geworden, wie er den Anschein gab. Nicht nur die Nahost-Krise hatte den Abschluß des Vertrages mit Sofia verzögert, auch hatten es die Bulgaren selbst nicht sonderlich eilig gehabt. Weit genug von der mitteleuropäischen Szene entfernt und als Touristenland auf Deutsche beider Staaten angewiesen, gedachten sie eigentlich, sich den Ulbricht-Besuch bis zum Ende der Saison aufzusparen. Ein „Dschungel-Staat“ wollen sie ohnehin nicht sein, wie sich jüngst ein bulgarischer Staatssekretär ausdrückte, der energisch dementierte, daß Bulgarien Inhaber westdeutscher Pässe an die DDR ausliefert.

Als jedoch Ulbricht am 6. September nach Sofia kam, waren die Bulgaren zu einem Vertragswerk bereit, das die entsprechenden Bündnisse der DDR mit Polen (vom 15. März), mit der Tschechoslowakei (vom 17. März) und mit Ungarn (vom 18. Mai) in mehreren Punkten sogar überbot: Zum erstenmal erschien Ulbrichts Lieblingsbegriff der Bonner „Alleinvertretungsanmaßung“ im Vertragstext, Westberlin wurde als „selbständige“, nicht – wie in den anderen Verträgen – als „besondere“ politische Einheit bezeichnet, und im Konsultationsartikel sicherten sich die Partner nicht allein gemeinsame Beratung wichtiger Fragen zu, sondern auch, ihre „Haltung abzustimmen“.

Solche bulgarischen Zugeständnisse kosten freilich nicht viel, wenn man die Entfernung von der Ostsee zum Schwarzen Meer berechnet. Ulbricht schien diesen tieferen Grund der Großzügigkeit seiner Gastgeber zu spüren, zumal Parteichef Schiwkoff sein Pflichtsoll an Polemik gegen Bonn ohne Eifer erfüllte und ausdrücklich betonte, daß der Vertrag „gegen niemanden gerichtet ist“. Ulbricht widersprach; er ließ in seinen Reden in Sofia keinen Zweifel, daß der Vertrag gegen Bonn, gegen die „neue Ostpolitik“ gerichtet ist und auch gegen die benachbarten Rumänen, denen Bundesaußenminister Brandt erst im August versichert hatte, Bonn wolle auch in Deutschland von den Realitäten ausgehen. Das seien „Täuschungsmanöver“, warnte Ulbricht. „Wer zur Aggressionspolitik der westdeutschen Imperialisten schweigt, der wäre mitschuldig an dem, was sie anrichten könnte“, rief er den Bulgaren mit einem Seitenblick auf Bukarest zu.

Am selben 7. September sprach vor den Ungarn, den nördlichen Nachbarn der Rumänen, der sowjetische Parteichef Breschnjew und warnte: „Es kann kein Kommunist sein, wer die internationale Einheit mit beschränktem Nationalismus vertauscht.“ Der ungarische Parteichef Kadar, der mit Breschnjew ein neues, zwanzigjähriges Bündnis unterzeichnete, widersprach zwar ebenfalls jeder „nationalen Isolierung“, ließ jedoch erkennen, daß er die Möglichkeit einer wirklich „neuen“ Ostpolitik Bonns nicht ausschließt, auch wenn es heute noch die „alte“ sei.

Nicht zufällig waren Ulbrichts Auftritt in Sofia und Breschnjews Besuch in Budapest mit einem dritten Ereignis synchronisiert, das am 7. September überall Schlagzeilen machte – mit de Gaulles ersten Gesprächen in Warschau. Die Furcht Ostberlins, der General könnte Polen auf den „rumänischen Weg“ locken, war unverkennbar. Nachdem de Gaulle (mit polnischer Einwilligung) den DDR-Botschafter ignoriert und in den Gesprächen mit Ochab die „unnormale Lage in Deutschland“ angemahnt hatte, übersah man in Ostberlin vor Schreck sogar den Hinweis des Generals, daß die Lösung der deutschen Frage Sache der „Deutschen selbst“ und ihrer Nachbarn sei, ohne daß noch Grenzfragen oder Atomwaffen zur Debatte stehen dürften. Dem jubelnden Empfang für de Gaulle in Krakau widmete das „Neue Deutschland“ am 9. September ganze neun Zeilen. Erst als Gomulka in seiner zähen Rede am 11. September die Befürchtungen seiner Nachbarn in Ost und West zerstreute und als dann am nächsten Tag endlich die Moskauer „Iswestija“ ihr abwartendes Schweigen aufgab und de Gaulles Polen-Reise zustimmend würdigte, atmete man auch in Ostberlin auf und lobte ausführlich den Dialog zwischen Warschau und Paris.