Flensburg Alfred Endrigkeit, Naturwissenschaftler, ehemals Fachmann für Schädlingsbekämpfung, seit Ende der fünfziger Jahre Pädagoge und Lehrer am Nordseegymnasium in Büsum, ist seit 1960 der Schul- und Justizbehörde Schleswig-Holsteins suspekt. Äußerungen, die der damals Einundfünfzigjährige im Unterricht von sich gegeben hatte, brachten ihm eine Verwarnung des Kultusministeriums ein. Fünf Jahre lang, bis zum Sommer 1965, beobachtete man ihn und hörte eine Weile nichts mehr darüber, daß Endrigkeit in Unterricht NS-Thesen von sich gab. Dann aber ließ der Lehrer die alte braune Katze wieder aus dem Sack. Es brachte ihm die Suspendierung vom Lehramt ein, die noch andauert. Das Disziplinarverfahren, das gegen den Mann eingeleitet wurde, der das Parlament als Quasselbude bezeichnete, seinen Schülern erzählte, die Gasofen in den Konzentrationslagern hätten die Amerikaner bei Kriegsende den Deutschen zum Tort selbst installiert, dieses Disziplinarverfahren kann erst abgeschlossen werden, wenn der Fall Endrigkeit endgültig strafrechtlich geklärt sein wird.

Die zweite Große Ferienstrafkammer des Landgerichts Flensburg lehnte vor einigen Tagen ab, die Hauptverhandlung gegen den Pädagogen zu eröffnen. Straftatbestand war nach Meinung der Staatsanwaltschaft in Flensburg die „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ gewesen. Endrigkeit hatte im Chemieunterricht, als das Kapitel Seife im Pensum war, seinen Schülern erklärt, daß, da zur Herstellung von Seife Fett nötig wäre, Juden während der NS-Zeit nicht zu Seife hätten verarbeitet werden können; denn niemand könne behaupten, daß die Juden damals noch fett gewesen seien.

Um diese übelste der im Unterricht Endrigkeits vorgetragenen Äußerung ging und geht es nun weiter vor den Gerichten. Im Einvernehmen mit Generalstaatsanwalt Nehm hat der Flensburger Oberstaatsanwalt Frohberg sofort, nachdem das Landgericht die Einleitung eines Verfahrens abgelehnt hatte, Beschwerde gegen diesen Beschluß eingelegt.

Warum ist Endrigkeits Erklärung zum Thema Seife nach Meinung des Gerichts nicht strafbar?

„... eine Verunglimpfung Verstorbener liegt nicht vor... Bei der Würdigung der den Gegenstand der Anklage bildenden Äußerung ist davon auszugehen, daß sie bei längerer Behandlung des Themas Verseifung im Rahmen des Chemieunterrichts gefallen ist, und daß der Angeschuldigte die Äußerung nicht von sich aus getan hat, sondern dazu durch eine dementsprechende, gezielte Frage eines Schülers veranlaßt worden ist. ...Dem Angeschuldigten wird nicht zu widerlegen sein, daß er – durch einen entsprechenden Einwurf eines Schülers herausgefordert – durch seine Äußerung der Propagandathese hat entgegentreten wollen, in Deutschland sei während des Krieges aus Leichen Seife hergestellt worden. Es ist allgemein bekannt, daß solche wahrheitswidrigen Behauptungen sowohl nach dem Ersten Weltkrieg als auch nach dem Zweiten Weltkrieg damals hinsichtlich der jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verbreitet worden sind. Es ist daher verständlich, im Rahmen des Chemieunterrichts solchen, schon vom Standpunkt der Naturwissenschaften nicht haltbaren Gerüchten entgegenzutreten, insbesondere, wenn derartige Fragen von den Schülern angeschnitten werden. ... Dafür, daß der Angeschuldigte mit der Äußerung etwas anderes im Sinn hatte, spricht nichts. Insbesondere liegen keine Anhaltspunkte für die von der Anklage vertretene Ansicht vor, der Angeschuldigte habe durch ein Wortspiel auf Kosten der im Dritten Reich ermordeten Juden vor den Schülern einen Witz machen wollen.“

Die Staatsanwaltschaft will sich mit dieser „Geistes-Artistik“ nicht zufriedengeben. Das Oberlandesgericht in Schleswig hat jetzt das Wort.

Ruth Herrmann