Von François Bondy

Julien Gracq hat den Prix Goncourt abgelehnt, Henri Michaux den großen Preis der französischen Literatur, Jean-Paul Sartre gar von Nobelpreis. Nicht so François Mauriac, der von jenen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, unbefangen schreibt und der insbesondere die Verleihung des Nobelpreises als einen Einschnitt in seinem Leben empfunden hat und als eine wundervolle Bestätigung.

Er hatte übrigens, als Sartre jene Ehrung ablehnte, in seinem „Bloc-notes“ bemerkt, ihm selber sei das Geld zur Einrichtung eines neuen Badezimmers sehr willkommen gewesen. So unbefangen wie über seinen Ruhm, den Erfolg seiner Romane, die Wirkung seiner Polemiken und seine Wahl, in relativ jungen Jahren, in die Academie Française spricht François Mauriac auch von seiner großbürgerlichen Herkunft und seinem ererbten Besitz und Weingarten in der Nähe von Bordeaux: „Beflaggter als eine Mongolfiere stieg ich zum Zenit der Literatur empor.“

Ebenso selbstverständlich schildert er allerdings, auch in diesem sonst an persönlichen Anekdoten nicht so reichen Erinnerungsbuch –

François Mauriac: „Die verborgenen Quellen“ – Nouveaux Memoires Interieurs, aus dem Französischen von Lilly von Sauter; Verlag Kurt Desch, München; 304 S., 22,– DM

– die soziale Härte des Milieus, in dem er aufwuchs, und erwähnt einen Onkel, der, wann immer er eine Magd auf ihrem Schemel sitzen sah, sie anherrschte: „Steh auf, du Faulpelz!“ In diesem zweiten Band der „Mémoires Intérieurs“, die das Gegenstück zum aktualitätsbezogenen „Bloc-notes“ sind, bemerkt Mauriac auch, er habe eigentlich nichts vom Jenseits zu erhoffen, da er schon im Diesseits seinen Lohn dahin hatte. Diese Welt, die er jetzt im Zeichen des kommenden Todes in ihrer Nichtigkeit sehen will, hat ihm keinen Erfolg vorenthalten, auch nicht jene Anfeindungen, die seinen Ruhm gemehrt haben.

Mauriac gibt sich hier, gegenüber seiner Herkunft wie seinem Glauben, beinahe ungebrochen naiv, nicht nur frei von Komplexen, sondern auch unkompliziert. Aber gerade das ist er nicht gewesen. Denn dieser Traditionalist, dessen frühe und stärkste Romane ein Provinzbürgertum zwischen Interessen, Vorurteilen und sexuellen Besessenheiten dargestellt haben, war kein erbaulicher, sondern ein skandalöser katholischer Romancier; er erinnert sich, daß er bei einem Vortrag in Brüssel mit den Worten eingeführt wurde: „Wir haben François Mauriac eingeladen, aber keine der Gestalten seiner Romane.“