Von Kai Hermann

Berlin, im September

Heinrich Albertz bekannte: „Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich objektiv das Falsche tat.“

Am Nachmittag des 15. September hatte der Regierende Bürgermeister eine der stärksten Stunden seiner Amtszeit. Er gab der christlich-demokratischen Opposition eine Antwort, die mutig und unpopulär zugleich war. Sie mag ihm und seiner Partei noch einige Popularitätspunkte gekostet haben – aber sie zeigte, daß Albertz sein Selbstvertrauen wiedergefunden hat. Und sie wies, wenn auch nur in vagen Umrissen, einen Weg Westberlins in die Zukunft.

Eine Bürgermeister-Rede genügt freilich nicht, die Teilstädt aus der politischen und wirtschaftlichen Talsohle herauszuführen. Die Probleme vor denen sie steht, deuteten sich in den vergangenen Monaten erst an. Albertz sprach von der „Spitze eines Eisberges, der viel tiefer geht, als manche ahnen und wahrhaben wollen“.

Die Dreisektoren-Stadt befindet sich in einem Rollenkonflikt. Eine Rolle, die sie längst nicht mehr spielen kann oder nie spielen konnte, wird ihr von innen und außen immer wieder aufgezwungen. Während sich die Bundesrepublik nie wirklich als Provisorium auffaßte, verlangt man von Westberlin, seinen provisorischen Charakter immer wieder zu bestätigen. Es soll „deutsche Hauptstadt“ sein und ist doch nur westdeutsche Exklave. Es muß den Reichstag wiederaufbauen und darf noch den Bundestag nicht einmal zu einer gelegentlichen Plenarsitzung empfangen. Es führt gesamtberliner Städte- und Straßenplanung aus, und doch bricht niemand auch nur einen Stein aus der Mauer. Es war und ist noch für viele Speerspitze gen Osten, und doch muß man sich in Westberlin wie nirgendwo sonst dem Klima der Entspannung anpassen. In der Rolle, mit der die Berliner einst einen wichtigen Part in der politischen Auseinandersetzung spielten, laufen sie heute gegen die Mauer der Realitäten an.

Rollenkonflikte haben psychologische Wirkungen. In Berlin gibt es alle Anzeichen einer politischen Neurose. Die hysterischen Reaktionen auf Happenings, die in anderen Weltstädten belächelt werden, und die Psychose, die durch Studentendemonstrationen entstand, waren nur ein Symptom.