Von Joachim W. Hartnack

Für Henryk Szeryng, der am 22. September 1918 nicht weit vom früheren Warschauer Wohnsitz Frédéric Chopins geboren wurde, war die Musik des polnischen Klavierkomponisten der erste künstlerische Eindruck: Seine Mutter war eine vorzügliche Pianistin und – wie bei einer Polin nicht anders zu erwarten – Chopin-Interpretin.

Szeryngs Eltern haben trotz des ungewöhnlichen Talents ihres Kindes konsequent eine Wunderkindkarriere unterbunden. Ob sie es wußten oder nicht: Sie trafen die richtige Entscheidung, weil um die dreißiger Jahre die Zeit der Wunderkinder endgültig zu Ende gegangen war.

Der Knabe begann als Fünfjähriger bei seiner Mutter den Klavierunterricht, wechselte jedoch, zwei Jahre später das Instrument und erlernte das Violinspiel. Dies geschah mit so überzeugendem Erfolg, daß Bronislaw Huberman, nachdem er drei Jahre später den Neunjährigen gehört hätte, dringend empfahl, ihn zu Carl Flesch zu schicken. Noch im selben Jahr kam Szeryng nach Berlin zu dem berühmtesten Lehrer dieser Zeit, bei dem er drei Jahre blieb, bis er 1933 mit einer Konzertreise nach Warschau, Bukarest, Wien und Paris seine ersten Erfolge errang.

Danach wurde es wieder still um ihn. Doch das hatte seinen guten Grund: Szeryng blieb in Paris und nahm, angeregt durch Jacques Thibaud, noch weiteren Violinunterricht bei Gabriel Bouillon, um seine Bogentechnik zu vervollkommnen, studierte bei Paul Juon den Kontrapunkt und Komposition bei Nadja Boulanger. Zu dieser Zeit hatte er auch seine kompositorischen Fähigkeiten entdeckt und lange geschwankt, ob er nicht überhaupt der Geige die zweite Rolle in seiner künstlerischen Existenz zudiktieren sollte, um sich in der Hauptsache der Komposition zu widmen.

Seine Karriere begann mit dem Zweiten Weltkrieg. Szeryng wurde einer der am stärksten beanspruchten Geiger, die für die alliierte Truppenbetreuung eingesetzt wurden. Er gab mehr als dreihundert Konzerte in Kasernen, Hospitälern, Militärlagern und bei Wohlfahrtsveranstaltungen.

Die damit verbundenen körperlichen Strapazen und seelischen Spannungen, die bei dem nur zwei Jahre älteren Menuhin die Krise ausbrechen oder ihren Ausbruch beschleunigen ließen, überstand Szeryng infolge seiner glänzenden physischen Konstitution und des weitaus solideren Fundamentes seiner Ausbildung so gut, daß er es sich nebenher noch gestatten konnte, ausgedehnte Konzertreisen durch Südamerika, die Länder der Karibischen See und durch Mexiko, zu unternehmen.