Unterlüß/Celle

Er war einer von drei praktischen Ärzten im celleschen Unterlüß. Die Bürger der 4700-Einwohner-Gemeinde zogen den Hut vor Herrn „Dr. Müller“. Aber seit Wochen nun ward er nicht mehr gesehen. Und Doktor ist er auch nicht mehr.

Unterlüß hat seine provinzielle Parallele zum Berliner „Fall Günther“: den „Fall Müller“. Er fand vor einer Woche seinen ersten Höhepunkt, als bekannt wurde, was die Ärztekammer in Hannover schon seit zwei Wochen wußte: Karl Heinz Müller, 42 Jahre alt, hat nie den Eid des Hippokrates geschworen und niemals studiert. Er war Äskulaps Jünger von eigenen Gnaden.

An der Tür des gemieteten Zweifamilienhauses am Unterlüsser Ortsrand klebt ein handgeschriebener Zettel: „Die Praxis ist geschlossen.“ Das einstige Arztschild hinterließ vier Löcher in der Hauswand. Nur neben dem Klingelknopf – und auf dem Stadtplan am Bahnhof – ist Karl Heinz Müller noch Dr. Karl Heinz Müller.

Ehefrau Müller ist allein zu Hause. Zurückhaltend, aber selbstsicher gibt sie Auskunft. Nein, „in all den Jahren“ habe sie nie geahnt, daß ihr Mann kein „richtiger Arzt“ sei. „Er hat ja alles zugegeben“, sagt sie, „er wird sich stellen.“ Energisch weist sie das Dorfgerücht von sich, wonach ihr Mann untergetaucht sei. „Ich habe ihn gestern noch gesehen.“ Wie es weitergehen soll? Die zierliche Frau – Mutter von drei Töchtern – zuckt mit den Schultern: „Wir werden wohl wegziehen. Vielleicht finde ich eine Stellung als Sprechstundenhilfe.“ Für ihren Mann ist sie es seit über zehn Jahren gewesen.

Als der Name Günther fällt, schaut sie für einen Augenblick etwas ärgerlich. Aber dann sagt sie: „Mein Mann und ich haben den ‚Fall Günther‘ sehr interessiert verfolgt. Doch wer ahnt denn schon so etwas...“

Der falsche Doctor medicinae, Wahlberliner Walter Günther, wurde im Mai dieses Jahres zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Aus der Ferne konnte der Berliner von Geburt, Karl Heinz Müller, seinen Parallelfall auf gleichsam höherer Ebene miterleben.