Stalins Tochter – fern der Politik, fern dem Volke

Von Wolfgang Leonhard

Swetlana Allilujewa: 20 Briefe an einen Freund. Memoiren der Tochter Stalins. Verlag Fritz Molden, Wien. Aus dem Russischen übertragen von Xaver Schaffgotsch. 344 Seiten. 19,80 DM.

Swetlana Allilujewa nennt ihr Buch „eine Beichte“. Diese Formulierung unterstreicht, was die Autorin will und was dieses Buch auch wirklich ist: eine persönliche Darstellung ihrer Erlebnisse und Gedanken, Enttäuschungen und Hoffnungen.

In den „Zwanzig Briefen an einen Freund“ sollte man darum nicht suchen, was die Autorin weder schreiben konnte noch schreiben wollte: Enthüllungen über „Kremlgeheimnisse“, eine Beschreibung interner politischer Vorgänge der Sowjethierarchie, eine Analyse der Machtstruktur des sowjetischen Kommunismus, eine Darstellung oder Erklärung der historischen Ereignisse in der Stalin-Ära. Swetlana Allilujewa ist eine Schriftstellerin, die sich für Menschen und ihre Gefühle, für die sie umgebende Atmosphäre, für Literatur und Musik interessiert – nicht aber für die komplizierten Probleme und Vorgänge der kommunistischen Machtstruktur, für die Prozesse und Widersprüche im Sowjetkommunismus.

Die zum Teil reißerische Reklame für dieses Buch dürfte die Autorin vermutlich nicht weniger erschüttert haben als den Rezensenten. Es ist höchst bedauerlich, ja irreführend, wenn selbst der seriöse „Observer“ schreibt: „Die russische Geschichte wird man im Lichte dieses Buches schreiben müssen“ oder wenn der sonst so gut informierte „Spiegel“ erklärt, die Memoiren Swetlana Allilujewas signalisierten „das Ende einer Ära sowjetischer Verschleierungen und westlicher Spekulationen“ und: „Die Swetlana-Memoiren verraten, wie wenig der Westen über interne Vorgänge der Sowjethierarchie informiert war ... Erst Swetlana Allilujewas Zwanzig Briefe an einen Freund‘ geben den westlichen Sowjetologen einen Maßstab, der sie in die Lage versetzt, hinfort Wahrheit und Dichtung über die Stalin-Ära sicherer zu unterscheiden.“

Solche und ähnliche Äußerungen sind – die von mir so geschätzten „Observer“ und „Spiegel“ mögen mir dies verzeihen – pure Phantasie. Sie vermitteln ein völlig falsches Bild vom Inhalt dieses Buches und lassen den außerordentlichen Wert der Memoiren Swetlana Allilujewas gerade dort suchen, wo er nicht vorhanden ist. Wer etwas über die historische Entwicklung der Stalin-Ära und die Machtstruktur des Kommunismus erfahren will, wird in Zukunft, genau wie vor dem Erscheinen dieser Memoiren, zu den Standardwerken der westlichen Sowjetforschung greifen müssen, darunter Leonard Schapiros „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“, Merle Fainsods Buch über das sowjetische Regierungssystem, Isaac Deutschers Stalin-Biographie und die Analysen von Meissner, Mehnert und Löwenthal – um nur einige der bekanntesten zu nennen. Diese, wie auch alle anderen seriösen Sowjetologen brauchen nichts „umzuschreiben“, sondern werden allenfalls bei einer Neuauflage ihrer Bücher eine oder zwei kleine Fußnoten einzufügen haben.