Nach einem halben „Käuferstreik“ haben die Deutschen wieder Sehnsucht nach einem neuen Auto. Die internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt war der Testmarkt für die Zukunft. Autokauf ist nur zum Teil ein rationeller Entschluß. Deshalb besuchte diesmal kein hart rechnender Wirtschaftsredakteur die Super-Show aus Stahl und Chrom, sondern eine Soziologin.

An den Wochenenden ist Kirmes in Frankfurt. Auto-Karawanen werden von Polizisten mühsam eingeschleust und schließlich ordentlich in Ringform um das Ziel der Fahrenden drapiert. Dann betreten sie das Messegelände, mehr als je zuvor – 94 000 waren es diesmal gegen nur 92 000 im vergangenen Jahr. Vom Auto befreit, das soeben als Gebrauchsobjekt durch Häufung sich zu erkennen gegeben hatte, wollen sie sich jetzt wie Alice im Wunderland fühlen.

Aber ziemlich weit ist der Weg bis dorthin. Vorbei an „Nutzfahrzeugen“, an „VDO“ und „VARTA“, und auch F. B. Goodrich stellt sich in den Weg. Doch, wie es scheint, gibt es kein ernst zu nehmendes Hindernis auf dem Weg zur Halle „H 5“. Der Strom wird immer breiter. Aus „H 11“ und „H 16“ kommen sie, halten Luftballons und Werbeprospekte in der Hand, werfen die Langnese-Eis-Verschalung an den Wegrand und drängeln nach vorn. Alle haben sich schön gemacht.

Es dauert etwas, bevor man sich im Inneren von „H 5“ zurechtfindet. Aber das soll in Wunderländern immer so sein. 825 Personen- und Kombiwagen sind in Europas größter Ausstellungshalle untergebracht. Die Menschen schieben sich in die Gänge oder werden geschoben, zwischen die Automobile, über sie hinweg, verdecken sie schließlich. Sichtbar bleiben nur noch die Firmensymbole irgendwo in der Höhe. Auch die Symbole einsamer Auto-Klasse drehen sich, abgeschirmt und erhöht, langsam und sichtbar. Alice ist glücklich. Überall stehen sie herum, die gierig begehrten glitzernden Wundertiere. Entbehrungsbereit und asketisch hatte sie vernünftig sein wollen und den Etat für Luxus gekürzt. Autobesitz gilt vielen immer noch als ein Zeichen für Überfluß. Doch nun soll sich, nachdem der Autoabsatz in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um ein Fünftel zurückgegangen war, muß sich alles wieder zum Guten wenden – der „Käuferstreik“ wird abgebrochen, seit allenthalben wieder Optimismus in der Wirtschaft herrscht.

Alice schreitet über velours-weichen Boden auf die Wundertiere zu, faßt sie an, prüft sie – und nie erfährt sie einen ernsthaften Widerstand. Die Händler oder Verkäufer schauen sanft lächelnd zu, geben schnell und wiederum sanft Auskunft. Ihre Münder formen durch alles hindurch die beschwörende Formel „Konsum, Konsum ...“

Zahlen vermischen sich, haben keinen Inhalt mehr. Preise werden zu technischen Daten und sind nicht mehr Gradmesser für Qualität. Die Automobile haben sich selbständig gemacht. Ihre Namen flattern durch die Gewölbe, manche höher – manche tiefer. Aber wunderbar wird in H 5 alles.

Männer mit weißen Federbäuschen in der Hand verlieren sich in der Menge, werden abgedrängt und müssen bald hilflos zusehen, wie immer mehr Glanz unter stumpfen Handabdrücken verschwindet. Immer gieriger werden die Menschen, sie anzufassen, sie in Besitz zu nehmen. Die Verkäufer reiben sich sanft die Hände. Sie hoffen. Wenn sie Tal hören, möchten sie bald nur noch an Urlaub denken wollen, wenn sie Sohle hören, an Schuhe kaufen.