Von Theo Sommer

Athen, im Sommer

Mittlerweile ist die Athener Militärdiktatur fünf Monate alt. Die Panzer vor dem Parlamentsgebäude am Platz der Verfassung sind wieder abgerückt, desgleichen die schwerbewaffneten Posten, die nach dem Obristenputsch vom 21. April vor den Ministerien aufgezogen waren. Auf den ersten Blick will es scheinen, als sei Athen zur Normalität zurückgekehrt.

Doch der Schein trügt; der erste Blick dringt nicht tief genug. Er dringt nicht hinter die klassizistische Fassade des Parlaments – verwaist ist der Plenarsaal, die Deputierten sind nach Hause gejagt worden, ein halbes Hundert mindestens sitzt in Haft. Er dringt auch nicht in den Beratungssaal jenes Expertenausschusses, der den regierenden Offizieren den Entwurf einer neuen Verfassung ausarbeiten soll – es besteht begründeter Zweifel daran, daß seine Arbeiten sehr weit fortgeschritten sind, und erst recht daran, daß er zum Jahresende etwas vorzulegen vermöchte, was demokratischen Maßstäben genügt und zugleich den Vorstellungen des Regimes entspricht. Entzogen bleiben dem Blick auch die uniformierten Aufpasser, die heute in sämtlichen Ministerien sitzen und rigoros den Willen der Junta vollstrecken.

Normalität? Es kann keine Rede davon sein. Die neuen Herren sind dabei, sich in der Macht einzurichten, und sie scheuen vor keiner Schikane, vor kaum einer Erbärmlichkeit zurück, um ihrem Regime Dauer zu verschaffen.

Griechenland ist das erste Land des freien Europas, in dem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Diktatur errichtet wurde. Es ist eine faschistische Diktatur – faschistisch in spezifisch hellenischer Ausprägung, bisher noch ohne Organisationsbasis außerhalb der Armee, aber sonst unverwechselbar: borniert, reaktionär, paranoisch. Schriller Nationalismus, nicht ohne rassistische Untertöne, bestimmt das Pathos der Obristen. Der McCarthyismus überwiegt den Kemalismus, auch in der Selbstdarstellung des Regimes; primitives antikommunistisches Freund-Feind-Denken motiviert seine Träger weit mehr als etwa das Streben nach einer wohltätigen Entwicklungsdiktatur. Gesinnungsschnüffelei ist daher Trumpf, Unterdrückung an der Tagesordnung. All dies wird freilich ungeniert mit dem Hinweis auf die höheren Interessen des Westens gerechtfertigt: „Eleftheros Kosmos“ – freie Welt – nennt sich das publizistische Sprachrohr der Junta. Seltsame freie Welt!

Ich kenne Griechenland seit anderthalb Jahrzehnten, und kenne es gut. Seine Sprache, die Muttersprache meiner Söhne, ist mir vertraut. Ich kann mich aus eigener Anschauung an die späten Jahre des Marschalls Papagos entsinnen, gleich nach dem Bürgerkrieg, als die Handhabung der Demokratie auch nicht eben lehrbuchfähig war, doch so schlimm wie heute schien es mir damals nicht zu sein. Und wenn auch vieles faul gewesen sein mag an dem parlamentarischen System der vergangenen Jahre – es hätte der Erneuerung bedurft, nicht der Zerstörung. Seine heutige Herrschaft hat das Volk der Hellenen nicht verdient.