Braucht Peking ein außenpolitisches Ventil für die überkochende Kulturrevolution? In den ersten sechs Monaten dieses Jahres war China in diplomatische Scharmützel mit 25 Ländern verwickelt. Der letzte Monat trug dem unruhigen Reich der Mitte einen Rekord von zwölf Kontroversen ein.

In der vorigen Woche kam es in der Schneewelt des Himalaya an der Grenze zwischen China und dem Königreich Sickim wieder zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit indischen Truppen – der schwersten seit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962. Indien vertritt Sikkim außenpolitisch und nimmt seinen militärischen Schutz wahr.

Seit Mitte August hatten die Chinesen – nach indischen Angaben – versucht, ihre Stellungen über die Wasserscheide am Chola-Paß – der internationalen Grenze – hinauszuschieben. Am 7. September begannen die Inder die Grenze zu befestigen.

Vier Tage später eröffneten angeblich Einheiten der 11. chinesischen Gebirgsjäger-Division in der Nähe des Nathlu-Passes mit Mörsern und Artillerie das Feuer auf indische Grenztruppen. Die Inder schossen zurück. In einem Ultimatum drohte Peking den Einsatz seiner Luftwaffe an. Vorsorglich wurde in Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim, Verdunkelung angeordnet, im übrigen aber ließen sich die Inder nicht einschüchtern.

Schließlich beendete ein formloser Waffenstillstand die Gefechte. Bilanz (nach, indischen Angaben): 300 Chinesen tot oder verwundet und über hundert Inder. Die Pekinger „Volkszeitung“ behauptete, Neu-Delhi habe den Konflikt mit amerikanischer Hilfe provoziert.