Willi Stophs Brief an den Bundeskanzler ist ein betrübliches Dokument. Nicht etwa, daß es neue Forderungen enthielte. Aber all die alten Parolen des SED-Regimes sind in dem Schreiben des Ministerratsvorsitzenden und dem beigefügten Entwurf für einen Vertrag zwischen Bonn und Ostberlin zu einem Bündel von Maximalforderungen verschnürt worden, das an Vollständigkeit und Massivität sogar in der östlichen Dokumentenliteratur seinesgleichen sucht. Die Antwort an Kiesinger ist ein Donnerschlag auf Bütten. Von "Entkrampfung" im innerdeutschen Verhältnis keine Spur.

Man muß das sehen; Illusionen wären fehl am Platze. In solch hochkonzentrierter Essenz sind die Ostberliner Ansichten noch nie serviert worden. Bonn soll "direkte Kontakte" nach den "allgemein anerkannten Prinzipien des Völkerrechts" zur DDR aufnehmen (von Beziehungen "souveräner Staaten deutscher Nation" ist die Rede) und Ostberlin zu diplomatischen Beziehungen mit allen europäischen Staaten verhelfen. Es soll die Grenzen an Elbe und Oder, die Selbständigkeit Westberlins, die Nichtigkeit des Münchner Abkommens "von Anfang an" anerkennen, schließlich auf jeglichen Zugang zu Kernwaffen sowie deren Lagerung im Bundesgebiet verzichten.

Die Wiedervereinigung? Sie wird vertagt, und sie wird abhängig gemacht von "Normalisierung", "vereinbarter Abrüstung" und dem "Abschluß eines Abkommens über europäische Sicherheit". Und als ob das noch nicht ausreichte, werden noch eine Reihe weiterer conditiones sine quae non aufgestellt: die "Überwindung des Militarismus, Neonazismus und der Macht der Monopole". Danach erst könnten "Verhandlungen mit dem Ziel der friedlichen Lösung der nationalen Frage" eingeleitet werden. Auf gut Deutsch heißt das, daß die Bundesrepublik erst "sozialistisch" werden muß, ehe auch nur Vorgespräche über die Wiedervereinigung begonnen werden können; die DDR selber aber will sich gegen westdeutsche Einwirkung durch den Grundsatz der "Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten" abschirmen.

Härter war der Standpunkt des "Alles oder nichts" schwerlich zu formulieren. Und dennoch sollte Stophs Brief unsere Ostpolitiker nicht veranlassen, die Flinte ins Korn zu werfen. Wir dürfen die Härte Ulbrichts nicht nachträglich durch einen Rückfall in die alte Bonner Intransigenz rechtfertigen. Dreierlei ist zu bedenken.

Zum ersten: Kiesingers Brief an Stoph, der das Datum vom 13. Juni trägt, war nicht sonderlich geschickt formuliert. Der Kanzler hat damals verschiedene vernünftige Entwürfe vom Tisch gewischt und, offenbar mehr auf die Wirkung in den Hinterbänken der CDU/CSU bedacht als auf den Effekt beim Empfänger, in Heimschriftstellerei ein eigenes Schriftstück verfaßt, das trotz richtiger Impulse unnötig lang, schulmeisterlich und herausfordernd geriet. "Unsere Rechtsauffassung, an der wir uneingeschränkt festhalten" – was war darauf schon anderes zu erwarten als ein neuerliches Herbeten der östlichen Litanei? Kiesingers nächste Antwort wird hoffentlich als gemeinsam festzulegende Koalitionsangelegenheit behandelt werden, nicht als Kanzlerprärogative.

Zum zweiten: Bedeutsamer als der Inhalt des neuen Stoph-Brief es ist die Tatsache seiner Absendung. Vor wenigen Wochen noch sah es gar nicht danach aus, als werde es dazu kommen. "Niemand in Bonn", so warnte der gemeinhin gutunterrichtete Berliner Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, "sollte sich der Hoffnung hingeben, die SED könnte den Kiesinger-Brief doch eines Tages beantworten." Was den Sinneswandel bewirkt hat, ist schwer zu sagen. Offensichtlich hat es in Ostberlin harte Debatten gegeben. Im SED-Blatt "Neues Deutschland" kam es zu einer kaum kaschierten Fehde zweier Kommentatoren; im Zentralkomitee und im Ministerrat sollen die alten Gruppierungen der Dogmatiker und der Pragmatiker abermals miteinander gerungen haben. Am Ende bleibt das Faktum, daß ein Brief verfaßt und abgeschickt wurde. Der Faden des innerdeutschen Gesprächs ist nicht abgerissen.

Zum dritten: Stophs Forderungen sind unannehmbar, aber sein Schreiben ist nicht bar jeglichen Ansatzpunktes. Sein Brief ist um einige Nuancen minder kraß geraten als der Vertragsentwurf; es ließe sich daraus sogar der Eindruck gewinnen, "normale" Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten seien nicht identisch mit "diplomatischen" Beziehungen. Im übrigen erneuert Stoph seine Bereitschaft, sich mit dem Bundeskanzler in Ostberlin oder in Bonn zu treffen; und er schlägt vor, die "technischen Vorbereitungen der Verhandlungen" den Staatssekretären des Bundeskanzleramtes und des Ministerratsbüros zu übertragen. Bonn sollte bei der Auslegung des Begriffes "technische Vorbereitungen" nicht kleinlich sein.