Von Dieter E. Zimmer

An Sonnabend, dem 9. September, hatten drei Blätter des Springer-Verbandes – die Berliner Morgenpost, der Düsseldorfer Mittag und das Hamburger Abendblatt – in spektakulärer Aufmachung von einem Brief berichtet, den einer der prominentesten Bürger der DDR, der fast achtzigjährige Schriftsteller Arnold Zweig, an den israelischen Schriftstellerverband gerichtet haben sollte – und in dem Zweig genau das schrieb, was diese Zeitungen schon immer geschrieben hatten: "Das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik ist die Hölle. Sie ist nicht deutsch noch demokratisch, sondern ein russischer Satrap, der nach Moskaus Pfeife tanzt. Das ist schlicht die Wahrheit und die will ich hier sagen! Ich kann den virulenten Antisemitismus hier nicht aushalten, er erinnert mich an das Nazi-Regime..."

Auch weitere Einzelheiten wurden verraten: Zweig bemühe sich über den israelischen Schriftstellerverband, das Internationale Rote Kreuz und gar die UN um eine Ausreisegenehmigung, vergebens bisher; seine Pension wie seine Stellung an der Humboldt-Universität seien ihm seiner Haltung zum Israel-Konflikt wegen aberkannt worden – kurz, "nach Ansicht politischer Beobachter" habe dieser "80jährige Bruder von Stefan Zweig" das SED-Regime beispiellos blamiert.

Wenn schon nicht der unwahrscheinliche Inhalt, wenn schon nicht die Diktion – die Bruderschaft und der Lehrstuhl hätten die Redakteure mißtrauisch machen sollen: Nicht jede Falschmeldung trägt so offenbare Merkmale der Fiktion. Aber die Morgenpost wußte am nächsten Tag (noch eine Titelgeschichte) sogar weiteres: daß Zweig gleich zwei Briefe nach Israel geschrieben habe, einen an ein befreundetes Ehepaar, den anderen an einen Herrn Leo Heiman, Mitglied des israelischen Schriftstellerverbandes.

An der Echtheit, meinte die Morgenpost, könnten Zweifel nicht bestehen. Dabei hatte Zweig schon am Sonnabend dementiert: "Noch niemals, selbst nicht im braunen Reich des Herrn Goebbels, sind derartig faustdicke Lügen über mich verbreitet worden. Jedes Wort, selbst die Interpunktionszeichen, sind erfunden. Seit Jahren habe ich erklärt, daß ich mich nirgendwo so heimisch fühle wie in unserer Deutschen Demokratischen Republik. Die Schwindler bestätigen mir wieder einmal die Richtigkeit meiner Entscheidung." Am Montag trieb ein Korrespondent der dpa in Israel jenen Leo Heiman auf; er sei, sagte er, weder Mitglied des Schriftstellerverbandes, noch habe er einen Brief von Zweig erhalten, noch sei ein solcher Brief in seinem Besitz – er habe lediglich Einblick in einen Brief Zweigs an einen Herman Levy gehabt, in dem der Schriftsteller sich über den Antisemitismus in der DDR beklagte, sich später Notizen gemacht und diese in einem Artikel "für einen amerikanischen Nachrichtendienst" ausgewertet.

Die Morgenpost aber mochte sich ihre Sensation nicht nehmen lassen. Ihr Leitartikel vom Sonntag führte diesen frappierenden Beweis für die Echtheit der Briefe an: "Arnold Zweig kann sich heute nicht frei äußern. Daß Ulbrichts Fernsehen gestern darauf verzichten mußte, ihn selbst zu interviewen und statt dessen einen Bogen Papier vor die Kamera legte, spricht für sich..."

Auch – jähe stilkritische Skrupel! – die Diktion des Dementis löse "an der Autorenschaft Zweigs Zweifel aus". Und gleich zog die Morgenpost noch die aktuelle politische Nutzanwendung: "Was aber wird nun im Westen geschehen? Wer für die Freiheit bei uns demonstriert, muß vor allem für die Freiheit dort auf die Straße ziehen, wo sie unterdrückt ist: in den Staaten des Ostens..." Womit natürlich die Berliner Studenten gemeint waren.