Bremen

Vor dem Ziel war der Gedanke beklemmend, es könnte eine rührselige Schau werden. Am Ziel dann, hinter Bremerhaven in der Jugendherberge Wüstewohlde, nach der ersten Begegnung mit dem Mann ohne Hände und seinen krampfgelähmten, körperlich gezeichneten Schützlingen, wich der Alptraum sogleich. Stig Guldberg aus Dänemark löste das Problem des Händeschüttelns bei der Begrüßung ganz einfach. Er reichte den rechten Armstumpf wie eine Hand. Nach einer Stunde fiel an ihm und an den kranken Kindern nur noch eines auf: selbstverständliche Natürlichkeit. Genau darauf kommt es Guldberg an: „Wir sind nichts Besonderes, und das wollen wir hier zusammen lernen.“

Er ist berühmt, dieser unauffällig fröhliche Däne; die Guldbergstory ging um die Welt. Als er jetzt mit 22 schwerbehinderten Kindern aus Dänemark und Deutschland in die einsame Heideherberge eingezogen war, setzte ein Sturm der Schaulustigen ein. Weil Guldberg und seine Helfer, Studenten aus beiden Ländern, sich rechtzeitig mit den Kindern ins Innere der Herberge zurückgezogen hatten, klopften die Gaffer an Fenster und Türen und begehrten laut, „die Leute ohne Arme und Beine“ zu sehen. Stig Guldberg berichtet das ohne Empörung. „So etwas gibt es überall. Wenn sie wiederkommen, hängen wir ein Schild an die Tür: ‚Hier ist kein Zoo.‘“

Fünf Wochen lang will Guldberg mit behinderten, körperlich und seelisch belasteten Kindern im Alter von neun bis vierzehn Jahren leben, spielen, lachen, sprechen und hart arbeiten. „Wenn diese Kinder verkümmern, ist nur die Umwelt schuld. Man muß sie behandeln wie andere, gesunde, im Notfall mit unerbittlicher Härte.“

Härte gegen sich selbst hat der 47 Jahre alte ehemalige Offizier in beispielloser Weise praktiziert. Vor zwanzig Jahren wurden ihm bei der Sprengung eines Fabrikschornsteins beide Arme abgerissen, er war vorübergehend blind und taub. Er erzählt, wie er später beim Anblick eines verkrüppelten Kindes dachte: „Da muß man wohl etwas tun, damit wir lernen, Schicksal anzunehmen und mit ihm zu leben.“

Von 1950 an lud er blinde, taube, entstellte Kinder und Jugendliche nach Lynvig am Ringköbing-Fjord ein. In alten Bauernhäusern entstanden seine „Internationalen Lager zur Erziehung und Rehabilitierung benachteiligter Kinder“. Die Dänen riefen den Guldbergplan ins Leben und gaben dem Werk den finanziellen Rückhalt. Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Fürsorger wurden Mitarbeiter in den Guldberglagern.

Während der Berliner Blockade ließ Stig Guldberg über eine Kinderluftbrücke körperlich und seelisch kranke junge Bürger der geteilten Stadt nach Dänemark bringen. Für 300 in der Bundesrepublik geborene Mischlingskinder suchte und fand er dänische Adoptiveltern. Er selbst adoptierte zu seinen vier eigenen Kindern ein farbiges Besatzungskind. 1959 setzte eine Jugendgruppe aus Dortmund, die während ihrer Ferien ein Guldberglager kennengelernt hatte, die Gründung der „Dortmunder Guldberghilfe“ durch.