Er war des Volkes liebster und des „Führers“ treuester Marschall. In der Niederlage aber gingen ihm die Augen auf. Er wollte putschen, doch das Schicksal schlug wider ihn aus. Der „Führer“ schickte ihm zwei Generale ins Haus, die ihm die Giftkapsel brachten. Sein Selbstmord kam gelegen.

Nicht von Erwin Rommel ist hier die Rede, sondern von einem anderen „Wüstenfuchs“: von Nassers „Ex-Vize“ Mohamed Abdul Hakim Amer. Vorige Woche schied er unter so seltsamen Begleitumständen aus dem Leben, daß sich ein Vergleich mit dem erzwungenen Freitod des deutschen Kriegshelden, der noch heute in Ägypten bewundert wird, geradezu aufdrängt.

Folgen wir der amtlichen Version, die Gamal Abd el Nasser dem ägyptischen Volk vorsetzen ließ, so haben zwei hohe Offiziere das Haus ihres ehemaligen, seit der Niederlage auf Sinai abgesetzten Oberkommandierenden aufgesucht, um ihn über seine Rolle in dem Putsch zu verhören, den mißmutige Offiziere der geschlagenen Armee für den 26. August geplant haben sollen. Hakim Amer entschuldigt sich, begibt sich in das Badezimmer, kommt kauend zurück und sagt, mit einem Blick auf die Uhr: „Ich habe Gift genommen, um allem ein Ende zu bereiten.“ Er bricht zusammen, wird ins Krankenhaus gebracht und – gerettet. Doch am nächsten Tag gelingt es ihm, noch einmal Aconit-Gift zu schlucken, das er unter einem Heftpflaster am Körper verborgen hielt. Einen Tag später schon wird der Leichnam im Heimatdorfe Amers beigesetzt. Nach zwei Tagen erst darf das Volk die Todesnachricht erfahren.

Ob die Fellachen am Nil und die Soldaten am Suez für bare Münze nehmen, daß Generale, Ärzte und Polizisten nicht imstande gewesen sein sollen, den Selbstmord des prominenten Hochverräters zu verhindern, und das, obwohl er sich schon zweimal vorher – unmittelbar nach der Niederlage im Krieg gegen Israel und nach dem mißglückten Putsch im August – das Leben nehmen wollte? Beim erstenmal soll sogar Nasser selber eine ganze Nacht am Bett seines Freundes und Anverwandten verbracht haben.

Amers Tod sei „eine Quelle tiefer Trauer“ für Präsident Nasser, hieß es in dem Nachruf der offiziösen Kairoer Zeitung „Al-Ahram“. Er sei „tausendmal besser“ gewesen als die meisten in seiner Umgebung. So soll Hakim Amer im Gedächtnis seines Volkes weiterleben: als ein Mann, der vom Wege der Pflicht abgeirrt ist und bösen Verschwörern in die Hände fiel, aber nichtsdestoweniger auch als Sündenbock, dessen Tod gewissermaßen die Schuld an den militärischen Katastrophen von 1965 und 1967 sühnt.

Niemand wird es Nasser verdenken, daß er nach der Schlappe von Sinai seinen Generalstab in die Wüste geschickt hat. Hätten nicht die Generale und der Geheimdienst, die doch die mangelhafte technische Ausbildung der ägyptischen Truppen und die Stärke des israelischen Gegners kennen mußten, den Präsidenten vor seinem riskanten Abenteuer am Golf von Akaba warnen müssen? Wie hätte er einen Krieg riskieren können, ohne sich voll und ganz seiner militärischen Ratgeber sicher zu sein? Sie haben sein Vertrauen enttäuscht.

Aber die Generale, vornehmlich Amer, hatten nicht weniger Grund zu klagen. Hatten sie denn anderes getan als die Befehle des großen „Rais“ ausgeführt? Wer denn hatte 1958 Amer als Generalgouverneur nach Syrien geschickt und dadurch erst recht die syrischen Verschwörer zur Sezession von Kairo angestachelt? Wer denn hatte 70 000 ägyptische Soldaten in einen aussichtslosen Guerillakrieg im jemenitischen Hochland entsandt? Wer denn hatte Amer wieder und weder nach Moskau geschickt, um schwere Panzer, komplizierte Raketen und überschnelle Düsenjäger zu kaufen, mit denen die Fellachensöhne denn nicht umzugehen wußten? Wer schließlich hatte den verhängnisvollen Aufmarsch auf der Sinai-Halbinsel angeordnet? Und hatten Amer und die Generale nicht Nasser genau das zu tun argeraten, was seine Gegner Eschkol und Dayan zu befehlen sich nicht scheuten: den pre-emptive strike?