Bonn, im September

Auch seine politischen Gegner versagten ihm nicht den Respekt vor seinen Leistungen als Bundesverkehrsminister: Hans-Christoph Seebohm ist es zu verdanken, daß die Bundesrepublik heute das modernste und großzügigste Straßennetz Europas besitzt. Siebzehn Jahre hat er in Bonn das Verkehrsressort geleitet; er war neben Ludwig Erhard das dienstälteste Mitglied der letzten Bundesregierung. Er setzte es durch, daß die Bundesregierung für den Ausbau ihrer Verkehrswege mehr Gelder ausgab als irgendein anderes Land Europas. Als Verkehrsfachmann war Seebohm weit über die Grenzen der Bundesrepublik eine anerkannte Autorität. Mit seinen Anregungen beeinflußte er die Verkehrspolitik der anderen EWG-Länder.

Seine Mitarbeiter staunten über Seebohms Detailkenntnisse, ob er sie nun auf einer Pressekonferenz oder in Vorträgen ausbreitete, und sie fürchteten sein schier unbegrenztes Fachwissen, mit dem er sie oft in Verlegenheit brachte. Doch die glückliche Hand, die er hier bewies, fehlte ihm, sobald er außerhalb seines Faches agierte. Sein impulsives Temperament riß ihn zu Äußerungen hin, derentwegen der „Sonntagsredner“ Seebohm häufig Rüffel vom Kanzler einstecken mußte.

Aber Seebohm war sicher nicht der „Revanchist“, noch der „Gewaltpolitiker“, als den ihn der Osten gern hinstellte. Er wollte seine verlorene Heimat nicht mit Gewalt zurückerobern; er stand auf dem Boden der Magna Charta der Vertriebenen. Freilich brachte er sie durch seine unbedachten Äußerungen in Mißkredit.

Als konservativer Politiker – zehn Jahre lang gehörte Seebohm der Deutschen Partei an, bevor er zur CDU überwechselte –, hat er es seinen Parteifreunden nicht leicht gemacht. Als Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft konnte er in Bonn mit einer starken Hausmacht im Rücken auftreten. Die Partei konnte ihn nicht übersehen; nach seinem erzwungenen Ausscheiden aus dem Bundeskabinett wählte sie ihn zu ihrem Schatzmeister. Nur wenige Monate konnte er sich seinem neuen Amt widmen. Robert Strobel