Von Heinz-Josef Herbort

Dem siebenunddreißigjährigen Tschaikowskij bekam die Ehe nicht. Unmittelbar nach seiner Hochzeit schrieb er an seine Mäzenin Frau von Meck: „Ich kann noch nicht genau sagen, ob ich glücklich bin oder unglücklich. Ich weiß nur, daß ich außerstande bin zu arbeiten, und das ist für mich ein Zeichen eines unnormalen Zustandes.“ Drei Wochen später dann: „In einer Stunde reise ich ab, allein. Ich schwöre Ihnen: wenn ich noch ein paar Tage bliebe, ich würde verrückt.“

Freunde und Verwandte wußten, wie dem verstörten und unkonzentrierten Komponisten zu helfen war: Sie schickten ihn an den Genfer See, nach Ciarens, Frau von Meck stattete ihn mit 6000 Rubel pro Jahr aus – ein Jahr später lag das Violinkonzert vor, kurze Zeit darauf die Oper „Jeanne d’Arc“, „Manfred“ wurde begonnen und die fünfte und die sechste Sinfonie.

Tschaikowskij war nicht der erste und nicht der letzte, der bei mildem Winterklima am oberen Genfer See erfolgreich komponierte: Mendelssohn schrieb hier den „Sommernachtstraum“, Strawinsky den „Sacre du Printemps“, Furtwängler wohnte hier, und Paul Hindemith liegt am Hang von La Chiesaz begraben. Aber während die Musik Tschaikowskijs und Mendelssohns hier auch weiterhin Erfolg hat, verringert der Name Hindemith auf dem Programm des hiesigen „Septembre Musical de Montreux“ bislang immer noch die Besucherzahlen.

Dieses inzwischen zweiundzwanzig Jahre alte Musikfestival begann – wie vieles nach dem Krieg – beim Punkte Null, ein paar junge Schweizer glaubten an neue Möglichkeiten, neue Ziele, lohnende Ideale, Wilhelm Furtwängler wollte seinen Gastgebern Dankbarkeit bezeugen, mit vier Konzerten fing man 1946 an, im Saal des Kasinos, wo 400 Besucher Platz fanden.

Heute ist das Musikfestival von Montreux zu einem typischen Touristenfestspiel geworden, Ergebnis der Bemühungen, sich den Ansprüchen der Kunden anzupassen und zudem die Touristik-Saison ein wenig zu verlängern.

Seit etwa 150 Jahren kommen Touristen in dieses Gebiet am Ostufer des Genfer Sees, das ursprünglich nur den Weinbau kannte und noch heute keinerlei Industrie besitzt. Einen ersten Aufschwung des Fremdenverkehrs brachte die Errichtung einer Eisenbahnlinie, einen stärkeren 1906 die Eröffnung des Simplon-Tunnels, Hotels und Pensionen füllten nach und nach die Lücken zwischen den sechs Gemeinden auf diesem zwölf Kilometer langen, aber nur wenige Meter breiten Uferstreifen zwischen See und Steilhang.