Ich sehe nicht ohne einen Anflug von Erleichterung, daß nach einer langen Zeit, in der vornehmlich die öffentlichen Institutionen ungewollt Träger des Monopols waren, im Visier der journalistischen Batterien zu liegen, nun zur Abwechslung die Herren Kanoniere ihre Kanonen – entgegen der bisherigen gegenseitigen Schonung – auch einmal aufeinander gerichtet haben. Wir scheinen etwas von unserer Monopolstellung als Sünder einzubüßen. Aber Scherz beiseite, dieses neue Schauspiel brüderlichen Streites ist weit mehr als nur ein Schauspiel zur Ergötzung Außenstehender.

Durch die jüngste Diskussion in Ihren eigenen Reihen ist in bedeutendem Maße dazu beigetragen worden, die Komplexität und Vielfalt der Probleme aufzuhellen, um deren Klärung wir uns seit Monaten, ja seit Jahren vor allem in bezug auf das Verhältnis der publizistischen Medien untereinander sowie zu Staat und Gesellschaft bemühen. Die Konturen der Probleme sind durch die jüngste Diskussion deutlicher geworden, die Unterschiede der Interessen sind nun besser sichtbar und die Schwierigkeiten der miteinander verflochtenen Fragen wohl auch einer breiteren Öffentlichkeit bewußt geworden.

Ein solcher Klärungsprozeß, der noch lange nicht abgeschlossen ist, kann dem gemeinsamen Ziel nur nützlich sein, dem Ziel nämlich, das so oft beschworen wurde und doch nichts an Aktualität verliert: Eine freie, in sich und vor allem im Verhältnis von Verlag und Redaktion abgewogene Publizistik, eine bei aller wirtschaftlichen Bedingtheit doch eben nicht nur am Erlös, sondern an der Entwicklung dieses freien Gemeinwesens verantwortlich orientierte Presse zu haben und zu erhalten.

Ein Wort, das unlängst ein von mir geschätzter Beobachter und Akteur auf den Bühnen der Presse und Politik ausgesprochen hat, hat mich nachdenklich gemacht, ohne daß ich mich mit diesem Wort nun gleich solidarisieren möchte: daß die Freiheit der Meinung vor der Freiheit des Wettbewerbs stehen müsse. In der Tat – die Freiheit der Meinung bildet sozusagen die Basis unserer gegebenen verfassungsmäßigen Ordnung. Aber es kann nicht verkannt werden, daß die freiheitliche Verfassung auch ihre Bedeutung für die Weite und die Grenzen des unternehmerischen Wirkens in allen Bereichen, auch in dem der Presse, besitzt. Eben deshalb müssen die Verantwortlichen jeden einzelnen Schritt im Bereich der Freiheit von Meinung und Freiheit von Wettbewerb so überaus sorgfältig überlegen und mit dem Blick auf das gesamte Wechselspiel der Kräfte im freiheitlichen Rechtsstaat abwägen.