Von Werner Höfer

Der Jüngste ist er nicht mehr, möchte er aber noch einmal gern sein, um die Jungen von heute – „Sie wollen sich nicht raten und nicht helfen lassen ...“ – mit den Köpfen zusammenzustoßen. Aber zu den Klügsten aus dem versprengten Haufen der Liberalen gehört er immer noch. Freimütig spricht er sich aus, bewegt, besorgt, wenn nicht bestürzt über den Zustand seiner Partei, aber nicht ohne Hoffnung, die mit jedem Schluck vom vertrauten „Viertele“ neue Nahrung zu bekommen scheint:

„Wir sind schon tiefer in der Talsohle gewesen, wie es jetzt im Bonner Sprachgebrauch wohl heißt. Als ich von Thomas Dehler die Führung der Partei übernahm, war sie nicht nur zerstritten, sie war sogar zerfallen.“

Reinhold Maier weiß, wovon er spricht, denn er hat sechzig Jahre von seinen 78 Lebensjahren für die liberale Idee gewirkt und gelitten. Er war als Ministerpräsident in Stuttgart der einzige Regierungschef, den die FDP im Nachkriegsdeutschland in dieses Amt bringen konnte. Seit er, mehr den Anfechtungen des Alters als dem Wettbewerbsdruck nachgebend, die Führung der Partei abgab, ist er deren Ehrenvorsitzender.

Seitdem kommt er selten nach Bonn, wo er sich nie auch nur annähernd so wohl gefühlt hat wie in Berlin, wo er im Dritten Reich mehr Klienten hatte als in Stuttgart („Welch ein Unterschied der Welten: zwischen der Urbanität der alten Reichshauptstadt und dem Provinzialismus der improvisierten Bundeshauptstadt!“). Er variiert die resignierende Frage aus einem alten „Kom(m)ödchen“-Sketch: „Was soll ich noch in Bonn?“

Ja, was soll Reinhold Maier noch in Bonn! Wer spricht mit ihm? Wer hört auf ihn? Indessen hat wenigstens Erich Mende ihn in den Tagen, die seiner folgenschweren Entscheidung vorausgingen, telephonisch konsultiert. Es scheint, daß der Jüngere den Rat des Älteren nicht befolgt hat, denn der Ehrenvorsitzende der FDP hält das Amt eines Parteivorsitzenden für unvereinbar mit der Managerfunktion bei einem ausländischen Kommerzbetrieb.

„Muß ein Politiker nicht sehen, wie seine und seiner Familie materielle Sicherheit gewährleistet wird? Haben Sie als Schwabe nicht gerade für diese Art von familiärer Umsicht einiges Verständnis?“