Nur noch neun Monate trennen uns von dem großen Tag für Europa: Am 1. Juli 1968 werden die letzten Binnenzölle im Gemeinsamen Markt abgeschafft. Die EWG wird dann ein einheitlicher Wirtschaftsraum für Industrie- und Agrarerzeugnisse sein – nach den USA der aufnahmefähigste Absatzmarkt der Welt. Und ganz gewiß der am meisten umkämpfte...

Die amerikanische Industrie hat längst ihre Startpositionen für das „Rennen um den Europamarkt“ bezogen: Nach den jüngsten Berechnungen des Wirtschaftsmagazins Fortune dürfte der Wert der US-Investitionen in Europa noch in diesem Jahr 17 Milliarden Dollar überschreiten – womit zum erstenmal Kanada von seinem traditionellen Platz als Land mit dem meisten amerikanischen Kapital verdrängt wird. In den meisten EWG-Ländern „verordnen“ die Regierungen Fusionen oder ermuntern zumindest ihre Industrie zu Zusammenschlüssen.

In der Bundesrepublik wird bis in die jüngste Zeit hinein über die „Gefahren der Konzentration“ diskutiert. Dabei wird oft übersehen, daß sich in praktisch allen Bereichen der Industrie (anders als bei der Presse, die gegenwärtig im Mittelpunkt der Konzentrationsdebatte steht) der Wettbewerb nicht mehr im nationalen Rahmen abspielt.

Wenn etwa durch die Übernahme der Hüttenwerke Oberhausen der Thyssen-Konzern einen Anteil von 28 Prozent an der deutschen Stahlproduktion erreicht, mag das manchen Leuten bedrohlich erscheinen. An der Stahlproduktion des Gemeinsamen Marktes erreicht Thyssen aber nur einen Anteil von 12 Prozent – was den Schluß zuläßt, daß der Konzern auch nach der Fusion eher zu klein als zu groß ist.

Wir können nicht an der Tatsache vorbeigehen, daß die Bundesrepublik als größter Industriestaat Europas keineswegs über die größten Unternehmen verfügt. Weder in der Elektro- noch in der Montanindustrie stehen deutsche Firmen in Europa auf Platz eins – von der Mineralölindustrie ganz zu schweigen. Durch die Fusion von Montecatini und Edison ist das größte deutsche Chemieunternehmen, die Farbenfabriken Bayer, auf Platz drei abgerutscht (nach der britischen ICI und dem neuen italienischen Konzern). Nur das Volkswagenwerk sichert uns einen Spitzenplatz.

Jahre hindurch sind die Verfechter der Konzentration in der Bundesrepublik als Gegner des Wettbewerbs verdächtigt worden. Erst heute scheint sich ein Sinneswandel zu vollziehen: Karl Schiller nennt die Förderung der Konzentration bei kleinen und mittleren Unternehmen ausdrücklich als Ziel seiner „Neuen Kartellpolitik“.

Es ist erfreulich, daß ein sozialdemokratischer Minister sich von der ideologisch bedingten Abneigung seiner Partei gegen „die Großindustrie“ nicht davon abhalten läßt, das Notwendige zu tun. Im Wirtschaftsministerium neigt man heute der These zu, daß der Wettbewerb in einem „weiten Oligopol“ besonders wirksam ist – also bei einer nicht zu, großen Zahl nicht zu kleiner Anbieter.

Es versteht sich von selbst, daß niemand daran denkt, Monopole zu dulden. Aber eine derartige Gefahr besteht auf absehbare Zeit im Europamarkt sowieso nicht: Selbst wenn sich alle deutschen Automobilfirmen zusammenschließen würden, wären sie weit von einer marktbeherrschenden Stellung innerhalb der EWG entfernt und würden mit einem Umsatz von etwa 16 Milliarden Mark nur rund ein Fünftel der Größe von General Motors erreichen. Ob es den Wettbewerbs-Ideologen paßt oder nicht: Auf dem Europamarkt und dem Weltmarkt der siebziger Jahre werden sich die Länder am besten behaupten, die über eine leistungsfähige, kapitalkräftige und forschungsintensive Großindustrie verfügen. Diether Stolze