Die Kinder von Sergeant Pepper und Mary Jane (IV und Schluß)

Von Uwe Nettelbeck

Natürlich verpulvert Lyndon B. Johnson inzwischen manchen flower-power-Dollar in Vietnam. Längst haben flinke Geschäftemacher die Accessoires des Hippie-Protestes auf ihren Ladentischen ausgebreitet – all die flower songs, die im Stil der Halt-mein-Händchen-Schlager bereits von einer Zeitenwende schwärmen, obwohl die Sache noch lange nicht gelaufen ist, und in der Werbe-Diktion transozeanischer Luftlinien ein paar schöne Tage im sonnigen Kalifornien, im Hippie-Mekka San Francisco empfehlen, obwohl die Touristen und Pseudo-Hippies bereits mit Erfolg dabei sind, die Hippies aus Haight-Ashbury zu vertreiben; all die bunten Kettchen und Hängerchen, die angeblich der letzte Schrei sind, Blümchenabziehbilder und buttons mit allen nur erdenklichen Slogans. Das Establishment hat auf die Blumen im Haar der Hippies mit der Eröffnung eines Souvenir-Handels geantwortet, und für nicht wenige Leute war damit die ganze Hippie-Szene schon, erledigt. Die Ahnungslosigkeit meldete sich zu Wort und verfaßte verfrühte Nekrologe, und die Erleichterung machte sich an die Verbreitung hämischer Gerüchte.

Allen, denen die Hippies vom ersten Augenblick an nicht gepaßt haben, den unverbesserlichen Nutznießern der bestehenden Verhältnisse, die auch die geringste Abweichung von der von ihnen zu ihrem Schutze geschaffenen Ordnung fürchten müssen, kam der Rummel gerade recht. Er hatte noch kaum richtig angefangen, da sahen sie den Tag schon kommen, an dem sich die sanften Rebellen in sanfte Untertanen zurückverwandeln würden. Und sie sehen ihn noch immer kommen. Sie haben eben bis heute nur vage begriffen, was da passiert ist, unvermindert weiterhin passiert und auch in Zukunft und vielleicht bald überall passieren wird. Sie hatten allen Grund, nervös zu werden, als die Hippies auftauchten und den Betrieb störten, und sie sind nervös geworden. Aber sie haben keinen Grund, den Hippie-Rummel zu ihren Gunsten zu deuten und sich von ihm das Ende des Hippie-Aufruhrs zu versprechen, nur weil sie sich nicht vorzustellen vermögen, daß die Hippies die Hippie-Mode, die irritierenden Hippie-Ideen den Ausverkauf der Hippie-Accessoires überleben könnten, zu glauben und zu hoffen, sich auch diesmal nicht verrechnet und es lediglich mit so einer Art aus der Art geschlagenem Generationskonflikt zu tun zu haben, sich bereits wieder in Sicherheit zu wiegen, nur weil sie sich so selten verrechnet und bisher stets die Oberhand behalten haben.

Die meisten Hippies läßt der Hippie-Rummel kalt. Für sie, die cool cats, ist, was sich in Haight-Ashbury abspielt oder in London in der Carnaby Street und entlang der Kings Road oder an anderen Umschlagplätzen von Waren, die hip sein sollen oder psychedelic, aber meist nur ein bißchen bunt und viel zu teuer sind, nichts als ein Rummel wie jeder andere, ein weiteres, aber wenigstens bizarres Symptom der allgemeinen Konsum-Neurose, eine harmlose, erträgliche oder sogar erfreuliche Begleiterscheinung – nicht zu vergleichen zum Beispiel mit dem Pech, das die Französische Revolution mit Robespierre und der Guillotine hatte. Andere sehen in ihm ein gelungenes Ablenkungsmanöver und spielen darum, oder weil ihnen der Rummel zu angenehmen Gelegenheitsjobs verhilft, am Rande mit. Nur die sehr frommen Hippies, jene, die ihre Zeichen heilig halten und bereits wieder bei einem Katechismus gelandet sind, die der Sendungswahn plagt und denen die Reinheit des Zeremoniells, des Hippie-Kultes über alles geht und die darum auf dessen Insignien sitzen wie manche SDS-Strategen auf ihrem Vokabular, verwünschen die Wechsler in ihrem Tempel und verfolgen die unaufhaltsame Verbreitung der Hippie-Mode eifersüchtig und enttäuscht.

Späße im Knopfloch

Sie sehen sowenig wie das Establishment den subversiven Nebeneffekt der Entwicklung: Der Hippie-Rummel ruiniert die Hippie-Ideen nicht, wie die Puristen unter den Hippies fürchten und die Mächtigen unter den squares hoffen, im Gegenteil, er trägt zu ihrer Popularisierung bei. Oft genug nimmt, wer sich in einer Hippie-Boutique ein Hippie-Hemd kauft, eine Hippie-Zeitung mit und läßt sich anstecken, sei es aus Neugierde, sei es, weil er plötzlich eine Sprache vernimmt, die den vertrauten Umgangston als Sklavensprache entlarvt, die Abhängigkeiten ans Licht bringt, die sich hinter Sprachgewohnheiten verbergen, und die scheinbar festgefügte Hierarchie der square-Sprache auf den Kopf stellt, indem sie zum Beispiel einen Präsidenten nicht mehr einen Präsidenten oder bloß einen korrupten oder unfähigen und im äußersten Fall einen verbrecherischen Präsidenten, sondern einfach einen Vollidioten oder ein Arschloch nennt.