Widersprüche in der russischen Revolution

II

Von Isaac Deutscher

1917 machte Rußland die letzte der großen europäischen bürgerlichen Revolutionen und die erste proletarische Revolution der Geschichte durch. Die beiden Revolutionen verschmolzen miteinander. Diese Kombination, die bisher nicht ihresgleichen hatte, verlieh dem neuen Regime eine außergewöhnliche Lebenskraft und Dynamik, war aber auch die Quelle ernster Belastungen und Überforderungen sowie katastrophaler Erschütterungen.

Die gegenwärtige sowjetische Geschichtsschreibung bezeichnet die Februarrevolution als bürgerlich und behält die Bezeichnung „proletarisch“ der Oktobererhebung vor. Diese Unterscheidung wird auch von vielen westlichen Historikern gemacht; und sie ist aus dem Grund berechtigt, daß die Bourgeoisie im Februar, nach der Abdankung des Zaren, die Macht ergriff. In Wirklichkeit zeigte sich die Kombination der beiden Revolutionen bereits im Februar, allerdings nur in nuce. Der Zar und seine letzte Regierung wurden durch einen Generalstreik und eine Massenerhebung von Arbeitern und Soldaten gestürzt, die sofort ihre Räte oder Sowjets ins Leben riefen, die potentiellen Organe eines neuen Staates. Fürst Lwow und Miljukow übernahmen die Macht aus den Händen des verwirrten und unsicher sich vorwärtstastenden Petrograder Sowjets, der sie ihnen bereitwillig überließ. Und sie und Kerenski übten sie nur so lange aus, wie die Sowjets sie tolerierten. Aber ihre Regierungen führten keine entscheidende Maßnahme einer bürgerlichen Revolution durch. Vor allem ließen sie den adeligen Grundbesitz unangetastet und verteilten kein Land an die Bauern. Selbst als bürgerliche Revolution war die Februarrevolution verfehlt.

All das unterstreicht die ungeheuren Widersprüche, mit denen es die Bolschewisten, als sie im Oktober die Doppelerhebung vorwärtstrieben und lenkten, zu tun hatten. Die bürgerliche Revolution, in der sie die Führung hatten, schuf Verhältnisse, die das Wachstum bürgerlicher Eigentumsformen begünstigten. Die proletarische Revolution, die sie vollbrachten, hatte die Abschaffung des Eigentums zum Ziel. Die Hauptmaßnahme der einen bestand in der Verteilung des adligen Grundbesitzes. Das schuf eine breite mächtige Grundlage für das Aufkommen einer neuen bäuerlichen Bourgeoisie. Die Masse der Bauern, die von Frondiensten und Schulden befreit worden war und ihre Höfe vergrößert hatte, war an einem Gesellschaftssystem interessiert, das den Schutz ihres Besitzes garantieren würde. Es handelte sich dabei nicht nur um eine kapitalistische Landwirtschaft. Das bäuerliche Rußland war, wie Lenin es ausdrückte, der Nährboden des Kapitalismus überhaupt – viele der industriellen Unternehmer und Kaufleute waren bäuerlicher Herkunft; und Zeit und günstige Umstände vorausgesetzt, hätte die Bauernschaft eine weitaus zahlreichere und modernere Unternehmerklasse hervorbringen können.

Um so ironischer erscheint die Tatsache, daß 1917 keine der bürgerlichen Parteien und nicht einmal die gemäßigten Sozialisten die Agrarrevolution zu sanktionieren wagten, die sich spontan, mit elementarer Kraft entwickelte, denn die Bauern bemächtigten sich ja schon lange vor der bolschewistischen Erhebung des adeligen Grundbesitzes. Erschrocken über die Gefahren, die das Eigentum in der Stadt bedrohten, weigerten sich die bürgerlichen Parteien, das Eigentum auf dem Lande zu untergraben. Die Bolschewisten (und die linken Sozialrevolutionäre) stellten sich an die Spitze der Agrarrevolte. Sie wußten, daß die proletarische Revolution ohne die Erhebung auf dem Land, auf die Stadt begrenzt, niedergeschlagen würde. Die Bauern, die sich vor einer Konterrevolution, die die Grundbesitzer zurückbringen könnte, fürchteten, waren daher am bolschewistischen Regime interessiert. Aber der sozialistische Aspekt der Revolution rief bei ihnen Mißtrauen, Furcht oder Feindseligkeit hervor.